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Starschnitt, Pop und Dr. Sommer

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Drei Worte, die mir sofort den Geruch einer frisch gekauften Jugendzeitschrift in die Nase und ein nostalgisch verklärtes Lächeln in die Mundwinkel zaubern. Ja, auch ich war ein glühender Leser, Sammler, Poster-Kleber und Geschichten-Ausschneider.

Ungefähr ab meinem dreizehnten Lebensjahr machte ich mich donnerstags etwas früher auf den Weg zur Schule und fuhr noch eben kurz zum Bahnhofskiosk. Manchmal war sie dort nämlich schon früh zu haben. Und wenn nicht, dann machte ich auf dem Heimweg eben wieder dort halt, legte eine Mark und zwanzig Pfennige auf den Verkaufstresen und nahm sie neugierig in Empfang, die neue „Bravo“.

Ist ein Poster von meiner Lieblingsband drin? Wie geht die Foto-Lovestory von Britta und Jens weiter? Hat David Cassidy oder doch sein Bruder Shaun den „Goldenen Otto“ gewonnen und von wem gibt es den nächsten Starschnitt? Ich habe aber nie einen lebensgroßen Star in mein Zimmer gehängt. Erstens waren die Wände schon voll und zweitens hatte ich schon damals keine Sammelgeduld … Bei meinem Freund Christoph war das anders. Der hatte von seiner großen Schwester schon zwei geerbt und sich dann noch selbst drei dazugeklebt. Ich fand es zwar immer etwas komisch, wenn wir in seinem Zimmer saßen und um uns herum „standen“ Ricky Shane und Pierre Brice neben T-Rex, Uschi Glas und Leif Garrett, aber es war ja nicht mein Zimmer. In der „Bravo“ stand komischerweise alles, was mich damals interessierte oder war es andersrum? Ich erfuhr jedenfalls, wie die Mitglieder meiner Lieblingsband wohnten – und mit wem. Wer sich gerade danebenbenommen hat und wie, oder welche Filme ich unbedingt gucken muss und welche lieber nicht. Außerdem gab es Hitlisten, jede Menge Autogramme mit allen Daten der Stars und … ja, ich weiß, was noch fehlt!

Auch meine Eltern hätten Dankesbriefe an ihn schreiben können, weil er mir so wichtige Fragen wie „Was Mädchen von Jungen erwarten“, „Kommt es auf die Größe an?“ oder „Wie geht Petting richtig?“ verlässlich beantwortete. Egal, wo der Schuh oder andere Kleidungsstücke drückten, Dr. Jochen Sommer war zur Stelle und gab nützliche Tipps, wie man ohne größere Probleme durch die Pubertät kam. Der hieß im richtigen Leben übrigens Martin Goldstein, war Arzt und Religionslehrer und bekam damals zwischen 3000 und 5000 Briefe in der Woche – ich war also nicht allein und meine Eltern nicht die einzig dankbaren …

Heute ist die „Bravo“ aus den Bahnhofskiosken und Zeitschriftenläden fast verschwunden. Sie erscheint nur noch monatlich und hat den Wettbewerb um Klatsch und Stargeflüster gegen TikTok, Instagram und Co. verloren. Gewonnen hat sie dagegen Kultstatus
als die Jugendzeitschrift der Babyboomer-Generation.

Egal, ob man sich aufklären lassen, seine Zimmerwände verschönern oder ganz einfach Starkult betreiben wollte – irgendwann hat wohl jeder von uns mal eine in der Hand gehabt! Übrigens könnte sie jetzt auch in Rente gehen, schließlich wird sie in diesem Monat 65 Jahre alt – na bravo!