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Schwachhausen: Urbanität trifft Natur

Beliebtes Wohnviertel mit vielseitigen Freizeitmöglichkeiten

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Die Wachmannstraße.
Das Herz der Schwachhauser Einzelhändler und Gastronomen: die Wachmannstraße. Foto: Jennifer Fahrenholz

Was haben Paula Modersohn-Becker, Clemens Fritz und Karl Carstens gemeinsam? Die Antwort auf diese Frage findet sich auf der Bremer Landkarte wieder: Trotz unterschiedlicher Lebzeiten und Berufe eint alle drei zumindest eine gewisse Zeit in Schwachhausen verbracht zu haben.

Ein Stadtteil, der aufgrund seiner freistehenden Villen und als Standort zwei der renommiertesten Schulen der Stadt, dem Herrman-Böse-Gymnasium und dem Kippenberg-Gymnasium, oft als Quartier gut situierter Bürger wahrgenommen wird.
Vor allem der in der Fitgerstraße geborene, ehemalige CDU-Politiker und Bundespräsident Karl Carstens vermochte es, als sogenannter „Wanderpräsident“ Schwachhausen gut zu kennen. Seine Leidenschaft für ausgedehnte Wanderungen brachte ihm einst diesen Spitznamen ein.

Historie

Woher der Name des Stadtteils kommt, wäre jedoch vermutlich auch dem Ur-Schwachhauser Karl Carstens ein Rätsel. Belegt ist lediglich, dass Schwachhausen im Jahre 1159 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Hunderte Jahre unter der Herrschaft Schwedens und Hannovers, wurde es 1803 offiziell dem Bremer Landgebiet zugesprochen. Von dort an verdrängten Kaufleute nach und nach die Landwirte und begannen, in Schwachhausen ihre Landhäuser zu errichten. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Schwachhausen, das mittlerweile zur Stadt Bremen gehörte, schließlich die bekannten Altbremer Häuser, die auch heute noch maßgeblich das Bild des Stadtteils und der gesamten Stadt prägen.

Charismatische Bebauung

 

Die charmanten Altbremer Häuser sind nahezu überall in Schwachhausen auffindbar und haben echte Bremer Tradition. Foto: Jennifer Fahrenholz

Ob Schwachhauser Heerstraße, Parkallee, Hollerallee oder Wachmannstraße – die traditionellen Altbremer Häuser sind nahezu überall in Schwachhausen auffindbar und ziehen sich durch den gesamten Stadtteil. Ihre typische Konstellation entspricht einem zweistöckigen Reihenhaus mit Souterraingeschoss, einem kleinen Vor- sowie einem großen Garten am hinteren Ende des Hauses. Mit ihren großen Räumen, hohen Decken und Flügeltüren sind sie als Immobilien bei Wohnungssuchenden äußerst beliebt und gelten als Liebhaberstücke.

Der Bürgerpark: Die grüne Lunge Schwachhausens

Nicht nur eindrucksvolle Gebäude kennzeichnen das Bild des Stadtteils. Mit dem Bürgerpark und dem Stadtwald ziehen sich die wahrscheinlich bekanntesten Grünanlagen Bremens durch die Ortsteile Bürgerpark und Neu-Schwachhausen. Nicht nur „Wanderpräsident“ Karl Carstens hat hier mit großer Wahrscheinlichkeit den einen oder anderen Spaziergang genossen. Als grüne Oase des Stadtteils, ist die Anlage bei den Bewohnern der Hansestadt sehr begehrt und wird für ausgedehnte Jogging-Einheiten, tägliches Gassi gehen mit dem Vierbeiner oder spannende Familienbesuche im Tiergehege genutzt.

 

Bürgerpark Bremen bei Sonnenschein.
Zwischen den zahlreichen, verschlungenen Gehwegen des Bürgerparks erfreuen sich Jogger an der frischen Luft. Foto: Jennifer Fahrenholz

Auch Parkdirektor Tim Großman ist sich der Attraktivität des Bürgerparks bewusst und betont, dass es neben den vielfältigen Möglichkeiten, die das Gelände biete, auch die Citynähe sei, die einen Besuch so reizvoll mache. 1866 ins Leben gerufen, ist der Bürgerpark eine echte hanseatische Tradition. Schon der Name selbst verdeutlicht seine Entstehung durch die Unterstützung der Bremen Bürger. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. „Die Parkanlage wird ausschließlich durch private Zuwendungen finanziert“, betont Großmann. Zwar habe die beliebte Grünfläche in der Vergangenheit bei der Restaurierung größerer Objekte von staatlichen Förderprojekten profitiert, ansonsten würden jedoch keine öffentlichen Gelder fließen.

 

Das Dorint Parkhotel Bremen.
Das Parkhotel mit seinem ausladenden Wasserbecken bildet einen opulenten Fixpunkt.

So wird der er auch heute noch maßgeblich durch private Spenden, Vereinsbeiträge, Stiftungsgelder sowie den Erlös der Bürgerparkstombola aufrechterhalten. Durch diese Finanzierung entstanden im Laufe der Zeit auch viele der architektonischen Besonderheiten im Park, darunter das Kaffeehaus am Emmasee, heute bekannt als „Emma am See“, welches bei den Besuchern gerne für eine kulinarische Pause bei herrlichem Blick auf die Landschaft besucht wird. Auch das Dorint Parkhotel Bremen hat in der grünen Lunge der Stadt seinen Sitz und bietet mit seinen 175 Zimmern und Suiten einen Ausblick auf das gesamte Gelände.

Kultur und Unterhaltung

Neben dem Bürgerpark bietet Schwachhausen den Bewohnern der Hansestadt natürlich noch weitere Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und kultureller Bildung an. So erstrecken sich beispielsweise inmitten eines Parkgeländes im Ortsteil Riensberg die insgesamt vier historischen Gebäude des Bremer Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, den meisten eher bekannt als Focke-Museum. Interessierte können sich dort in den verschiedenen Dauer- und Sonderausstellungen der Historie der Stadt widmen oder der allgemeinen Kulturgeschichte der Hansestadt auf den Grund gehen.
Wer sich lieber vor einer großen Leinwand mit Infos und Entertainment berieseln lässt, kommt in der Gondel, dem Bremer Filmkunsttheater in der Schwachhauser Heerstraße, auf seine Kosten. Das kleine dazugehörige Bistro lädt zum anschließenden Verweilen und Diskutieren über die Filminhalte ein.

Historische Denkmäler

 

Der steinerne Dickhäuter im Nelson-Mandela-Park erinnert an die Gräueltaten des kolonialen Zeitalters. Foto: Jennifer Fahrenholz

Ein weiteres Stück Historie findet sich im Nelson-Mandela-Park an der Gustav-Detjen-Allee mit einem imposanten Anti-Kolonialdenkmal in Gestalt eines Elefanten wieder, welches vom Verein „Der Elefant e.V.“ betreut wird. Heute nutzen es Schüler des Herrmann-Böse-Gymnasiums als bequeme Sitzmöglichkeit in Pausen und Freistunden. 1932 aufgestellt, war der Dickhäuter ursprünglich eine Hommage an die weißen Kolonialmächte und galt lange Zeit als steinernes Symbol neokolonialer Kreise.
Erst mit der Unabhängigkeit Namibias 1990 änderte sich die Bedeutung des Elefanten und er wurde in Folge einer Uminterpretation zu einem Anti-Kolonial-Denkmal. Die Grünfläche mit dem Dickhäuter gilt somit mittlerweile als Ausdruck der Aussöhnung mit dem afrikanischen Kontinent und appelliert an die historische Verantwortung Bremens, dessen Kaufleute wichtige Impulsgeber der deutschen Kolonialbewegung waren. Tipp: Die Kunsthalle Bremen zeigt derzeit eine Ausstellung zur Rolle Bremens während der Kolonialzeit.

Die Wachmannstraße

Neben dem großflächigen Wohnraum, den Schwachhausen in erster Linie auszeichnet, finden sich im Stadtteil auch diverse Einkaufsmöglichkeiten und gastronomische Betriebe.
Vor allem die Wachmannstraße gilt als Hotspot für Einzelhändler und Gourmets. Diverse Geschäfte, Arztpraxen und Firmensitze erstrecken sich auf der lebendigen Straße zwischen Stern, der sich aktuell im Umbau befindet, und Schwachhauser Ring. Dort zeigt sich der Stadtteil modern und urban- von der bäuerlichen und dörflichen Vergangenheit Schwachhausens ist hier nichts mehr zu sehen.

 

Ralph Saxe.
Stadtteilexperte Ralph Saxe. Foto: Jennifer Fahrenholz

Mit einem Weinhandel ist unter anderem auch Ralph Saxe in der Wachmannstraße vertreten. Neben seinen Tätigkeiten im Einzelhandel ist Saxe in erster Linie als Bürgerschaftsabgeordneter der Grünen tätig. Als Mitglied im Bürgerparkverein, ehemaliger Vorsitzender der Standortgemeinschaft „Die Wachmannstraße e.V.“ und ehemaliges, langjähriges Mitglied im Beirat Schwachhausen ist der Politiker außerdem ein waschechter Stadtteilexperte, der mit den Gepflogenheiten und Besonderheiten Schwachhausens vertraut ist. Auch über die Bedeutung der Wachmannstraße für den Einzelhandel ist er sich bewusst. „Früher glich Schwachhausen einer Schlafstadt“, erinnert sich Saxe. „Die Menschen lebten und verbrachten ihre Freizeit vor Ort, aber der Konsum war aufgrund mangelnder Angebote gering.“ Im Laufe der Jahre seien jedoch immer mehr Flächen geschaffen und Geschäfte gegründet worden. Insbesondere habe sich eine inhabergeführte Struktur etabliert, welche die Wachmannstraße auszeichne. „Hier steht der Inhaber noch selbst im Laden.“, so Saxe.

Die Abwanderung in andere Stadtteile zum Einkaufen sei seiner Ansicht nach gering und das vielfältige Angebot werde von den Bewohners Schwachhausens dankend angenommen. „Wer ein individuelles und nachbarschaftliches Einkaufserlebnis will, kauft in der Wachmannstraße ein“, macht der Politiker und Weinhändler klar. Mit der Zunahme an gastronomischen Betrieben sei außerdem eine Angebotsstruktur entstanden, die es den Schwachhausern ermögliche, in ihrem Stadtteil auszugehen. „Die Wachmannstraße ist hier so etwas wie der Kiez“, formuliert es Ralph Saxe.
Pläne und Zukunfts-
visionen
Vielfältige Freizeitangebote, Parkanlagen und charismatische Bebauungen – die Lebensqualität in Schwachhausen ist hoch. Dennoch sieht sich der Stadtteil mit Problemsituationen und Veränderungsprozessen konfrontiert, die laut Beiratssprecherin Barbara Schneider angegangen werden müssen.
So sei der Mangel an Kinderbetreuungsplätze seit langem ein großes Thema. „Nach der wiederholten Kritik des Beirats hat sich diesbezüglich zwar einiges getan, aber ausreichend ist das immer noch nicht“, kritisiert die Beiratssprecherin. Außerdem werden in Schwachhausen derzeit viele Bauprojekte realisiert, denen Barbara Schneider skeptisch gegenübersteht. „Wir müssen darauf achten, dass die Innenverdichtung in einem verträglichen Maß geschieht, damit der Stadtteil sein Grün und damit seinen Charakter nicht verliert“, appelliert sie.

Der Riensberger Friedhof

Sein Grün und seine Natur findet Schwachhausen auch an einem dafür recht untypischen Ort wieder – einem Friedhof. Im Gegensatz zu anderen, oft als trostlos wahrgenommene Grabstätten, erzeugt der Riensberger Fiedhof mit seinen ausgedehnten Wasserzügen, seiner von zahlreichen Pflanzen umgebenden Kapelle und seinem alten Baumbestand eine gewisse Idylle. Mit den vielen Gräbern bedeutender Persönlichkeiten, wie Kult-Bürgermeister Wilhelm Kaisen oder Kaufmann und Reeder Franz Schütte, trägt der Friedhof einen wichtigen Anteil zur städtischen Kulturgeschichte bei. Auch „Wanderpräsident“ Karl Carstens findet dort seit 1992 die letzte Ruhe und wurde nach seinem Tod in Bonn zurück an den Ort seinen Ursprungs gebracht: Schwachhausen.