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Reizvolles Findorff

Das Quartier im Bremer Westen hat viele Gesichter

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Eine Straße im Bremer Stadtteil Findorff. Im Hintergrund ist das Riesenrad des Freimarkts zu sehen.
Einmal im Jahr geht es in Findorff rund: Der Freimarkt macht den sonst beschaulichen Stadtteil zur Partymeile. Foto: Kristina Wiede

Im Bremer Westen, malerisch gelegen am Bürgerpark und Torfkanal, erstreckt sich der ehemalige Arbeiterstadtteil Findorff. Beschauliche Wohnstraßen mit Einfamilienhäusern, bodenständiger Einzelhandel und Freizeitangebote in unmittelbarer Nähe machen den Stadtteil zum beliebten Wohnort für rund 26.000 Bewohner.

Vom Hauptbahnhof führen die Eisenbahnschienen direkt an dem Quartier vorbei und seit ihrem Bestehen prägte die Bahn das Erscheinungsbild Findorffs entscheidend mit. Der im Teufelsmoor gestochene Torf und die Bahn bildeten ein Paar, die den Bau bezahlbaren citynahen Wohnraums zur Folge hatte.

Zuckerwatte und Marktgemüse

Heute geben die Bürgerweide und der jährlich darauf stattfindende Freimarkt, die Messe, der beliebte Wochenmarkt und das Kulturzentrum Schlachthof dem Stadtteil seinen unverwechselbaren Charme. Auch Kunst- und Kultureinrichtungen wie die Bremer Philharmoniker sowie das städtische Unternehmen swb haben sich dort eingerichtet. Beim Rundgang durch Findorff werden sie vorgestellt.

 

Das Kettenkarussel.

Wenn einmal im Jahr die Schausteller mit ihren Fahrgeschäften auf die Bürgerweide ziehen, verwandelt sich der Platz hinter dem Bremer Hauptbahnhof in das größte Volksfest Norddeutschlands. Der Freimarkt ist nicht nur eines der Hauptevents des Jahres für die Stadt sondern auch das größte Zugpferd Findorffs. Seit 1934 amüsieren sich dort im Oktober die Bremer und Besucher der Hansestadt – bis zu vier Millionen folgen alljährlich dem Ruf der Karussell-Ansager und dem Duft nach Zuckerwatte und Liebesapfel. Doch so mancher Anwohner freut sich, wenn nach dem Trubel der Alltag wieder einkehrt.
Gesellig sind die Findorffer. Das zeigt sich nicht nur während der fünften Jahreszeit. Auch der Wochenmarkt lockt zum Plausch zwischen Anwohnern und Besuchern von buten und binnen. Rund 100 Stände mit Gemüse und Obst aus regionalem Anbau, Fleisch- und Milchprodukten, Backwaren und vielen weiteren Köstlichkeiten tragen zur besonderen Atmosphäre des Findorffmarktes an der Neukirchstraße im Ortsteil Weidedamm bei. Dreimal die Woche, immer dienstags, donnerstags und samstags, füllt die Kundschaft dort ihre Einkaufstaschen mit Lebensmitteln für den täglichen Bedarf und hält bei Kaffee oder heißer Suppe einen Klönschnack am Stehtisch. „Viele Stammkunden bleiben mehrere Stunden“, weiß Martina Freese aus Erfahrung. Seit 20 Jahren steht sie gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang hinter den Auslagen mit frischem Obst und Gemüse und führt das Familienunternehmen fort.

 

Der Findorffmarkt.

Bei Sven Geßler am gegenüberliegenden Stand geht Mediterranes über den Tresen, daneben hat der Geflügelhof Onken seinen Stammplatz und versorgt die Kundschaft mit Eiern und tagesfrischem Fleisch. Bei Peter Puls erfreuen sich schmackhaftes trocken gereiftes Rindfleisch – Dry Aged – und Klassiker wie Hausmacherleberwurst großer Beliebtheit. Blumen, Pilze, Pasta und Brot sind frisch, regional und besonders umweltfreundlich – ohne Verpackung – auf dem Findorffmarkt erhältlich. Was in Öko-Supermärkten als neuer Trend gilt, ist dort seit eh und je selbstverständlich.

Seit 15 Jahren nennt Marktmeister Manfred Mahlstedt den Wochenmarkt in Findorff sein Reich, organisiert im Namen des Veranstalters, dem Großmarkt Bremen, den Auf- und Abbau und sammelt die Standgebühren ein. Besonders an den Samstagen drängen die Kunden auf den Markt, sehr zur Freude der Händler, die seit mehr als 60 Jahren den Stadtteil beleben. Für das kommende Jahr hat der Großmarkt wieder alle Termine der insgesamt 35 Bremer Wochenmärkte in einem Kalender versammelt, der nun auf den Märkten erhältlich ist.

Im Herzen Findorffs zu Hause

 

An der Hemmstraße.

In kurzer Entfernung zum Markt reihen sich kleine Ladengeschäfte an der Hemmstraße aneinander. Dort schlägt das Herz des Findorffer Einzelhandels. Bücher, Schreibwaren, Mode, Schokolade – Massenprodukte sucht man dort vergebens, Vielfalt ist angesagt. Insbesondere der Generationenwechsel der vergangenen zehn Jahre habe dem Stadtteil einen Aufschwung beschwert, sagt Gabriele Greger, zweite Vorsitzende der Werbegemeinschaft Findorff. Der Verein vertritt die Interessen der Geschäftsleute im Stadtteil und trägt im Wesentlichen zur Vernetzung bei. Als vor kurzem das Käsekontor seine Geschäftsräume einrichtete, packten einige helfende Hände mit an, und viele davon sind weiblich. „Wir haben hier einige Geschäfte, die von starken Frauen geführt werden“, sagt Greger. Sie selbst hat vor wenigen Jahren ihren Weinladen in der Hemmstraße eröffnet und wurde für die Idee mit dem Belladonna-Gründerinnenpreis ausgezeichnet. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den verkaufsoffenen Sonntag am 30. Oktober sowie den Nikolausmarkt. Letzterer verwandelt den Platz an der Martin-Luther-Kirche in ein stimmungsvolles Lichtermeer. Die Kleinen dürfen sich auf einen Besuch vom Nikolaus freuen und beim traditionellen Nikolauslaufen Schlickerkram und gesunde Leckereien in den Geschäften abstauben.

Die Hemmstraße führt einmal quer durch den gesamten Stadtteil und ist die Hauptschlagader des Reviers, das von Walle, Schwachhausen und Horn-Lehe umrahmt wird. Während am nördlichen Ende der Recyclinghof und der Tierschutzverein beheimatet sind, stößt ihr südliches Ende auf die Bahnstrecke, die von Kastanienstraße und Herbststraße gesäumt ist. Davon ab geht das Gewerbegebiet Plantage, mit einer Mischung aus Gewerbe, Dienstleistung und Kultureinrichtungen. Das Rundfunkmuseum hat dort nach dem Umzug von der Bürgerweide neue Räumlichkeiten bezogen, die Bremer Philharmoniker haben ihr Nomadentum aufgegeben und fanden 2004 im Gebäude der ehemaligen Näherei ihr festes Zuhause.

Kunst und Kultur

 

Christian Kötter-Lixfeld.
Christian Kötter-Lixfeld, Intendant der Bremer Philharmoniker. Foto: Phil

Bis in die 90er Jahre wurden an der Plantage 13 Blusen hergestellt, der kreative Geist ist geblieben: Musiker, Werbeagenturen, Fotografen und Künstler haben sich angesiedelt. Für die Bremer Philharmoniker ist das rote, von Rosen umrankte Backsteingebäude nahe des Hauptbahnhofes strategisch gut gelegen. „Erreichbarkeit ist für uns enorm wichtig, da viele unserer Solisten von auswärts anreisen“, sagt Intendant Christian Kötter-Lixfeld. Auch das nahegelegene Maritim Hotel sei von Vorteil. Seit 2005 betont der Cello spielende Jurist das rebellische und avantgardistische Moment klassischer Musik und erarbeitet mit den insgesamt 90 Musikern des Orchesters anspruchsvolle und ansprechende Programme. „Wir sind ein offenes Haus und suchen den Kontakt, es geht uns um Durchlässigkeit. Sich einbringen und mitmachen – das fördern die Philharmoniker bereits beim Findorffer Nachwuchs. Das Haus zählt mittlerweile neun Partnerschulen. In der Musikwerkstatt entdecken Kinder und Jugendliche das Reich der Töne und Klänge und finden so einen ersten Zugang zum Lieblingsinstrument. Kötter-Lixfeld und sein Team etablieren damit eine erfahrbare Verbindung zwischen Orchester, Publikum, Nachwuchs und Nachbarn – den Wechsel vom hölzernen Image der Hochkultur zum Spielort für jedermann.

 

Das Kulturzentrum Schlachthof.

Wie ein Wegweiser ragt der rote Schornstein des Kulturzentrums Schlachthof am Rand der Bürgerweide in den Himmel. Von Konzerten, Lesungen und Filmen, Ausstellungen und Partys reicht das Programm der Spielstätte. Teile des Konzerte, Comedy und Theater umfassenden Programms entstehen in Kooperationen mit anderen Kulturinstituten wie Radio Bremen, das präsentiert und Konzerte mitschneidet, die im Hörfunk gesendet werden. Direkt daneben üben Skateboard- und BMX-Fahrer ihre Tricks, die Schlachthofkneipe richtet im Hof im Winter einen kleinen Weihnachtsmarkt aus.

Arbeiten mit Blick auf die Bürgerweide

 

Die swb Hauptverwaltung bei Nacht. Foto: swb

Nur einen Steinwurf von der Bürgerweide entfernt hat die swb-Hauptverwaltung in der Theodor-Heuss-Allee ihre Räume. Dort arbeiten etwa 800 Angestellte aus sieben swb-Gesellschaften, der Vorstand und Unternehmenskommunikation, Finanzen und Controlling, Personal und IT. Aus den Fenstern in der fünften Etage genießen die Mitarbeiter einen herrlichen Ausblick auf die Bürgerweide und die dortigen Ereignisse. Für ein Konzert der Band Die Ärzte auf der Bürgerweide im Sommer 2013 gab der Vorstand den großen Sitzungssaal frei, erzählt Pressesprecherin Angela Dittmer. Der Standort in Findorff sei auch wegen der Nähe zum Bürgerpark für die Mitarbeiter attraktiv. Dort bietet sich die Gelegenheit, in der Mittagspause durchzuatmen, während andere über den Betriebssport die Angebote der Fitness Company oder Bowling Strikee aufsuchen. Die swb ist mit dem Umspannwerk sowie dem Müllheizkraftwerk an der Hemmstraße, Solaranlagen auf den Dächern der Radstation am Hauptbahnhof, des Schlachthofs, des Recyclinghofs Kissingerstraße und der Oberschule in der Nürnbergerstraße sowie dem Vertikalwindrad auf dem Schornstein des Schlachthofs sichtbar und fest im Stadtteil verankert.

Wohnen in Findorff

Mit dem Ausbau der Eisenbahn wuchs in Bremen der Bedarf an Handwerkern, Angestellten und ihren Familien auch der Bedarf an Wohnraum. Der Gründung des „Eisenbahn Spar- und Bauverein Bremen“ (Espabau) im Jahr 1893 folgte der Wohnungsbau. Noch heute ist die Genossenschaft der größte Vermieter im Quartier.
Ein aktuelles Bauprojekt ist das „Findorffer Tor“, das Justus Grosse bis zum Frühjahr 2017 fertigstellt. An der Hemmstraße Ecke Innsbrucker Straße entsteht ein Gebäude mit insgesamt 107 Mitwohnungen über drei Etagen, im Erdgeschoss zieht ein neuer Rewe-Markt ein. 40 Millionen Euro inverstiert das Unternehmen an diesem Standort und schafft damit zusätzlichen Wohnraum im Quartier. Die Ruhe in Citynähe werden Findorff auch in Zukunft zu einem attraktiven Stadtteil machen.

Selbst sind die Findorffer

Die Interessen der Findorffer kennt Birgit Busch wohl besser als die meisten anderen Bewohner des Stadtteils. Seit 2002 ist die ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete in Bremens ältestem Bürgerverein aktiv und übernahm den Vorsitz. Rund 600 Mitglieder zählt der Verein heute, Tendenz sinkend. Es kämen keine jungen Leute hinzu, beklagt Busch. „Ein Bürgerhaus wäre toll, damit sich die Bewohner des Stadtteils besser vernetzen“, sagt die 60-Jährige. Leider fehlten dazu öffentliche Gelder, „die Sozialstruktur ist dafür zu gut“. Soll heißen: Die Findorffer verdienen im Durchschnitt nicht schlecht. Daraus habe sich eine Mentalität der Selbsthilfe entwickelt. Ob Laternelaufen oder Torffhafenfest, das im April 2017 zum dritten Mal stattfinden soll – die Findorffer wissen sich zu organisieren. Einmal pro Woche haben die Mitglieder des Bürgerverein Findorff ein offenes Ohr für die Belange ihrer Nachbarn. Bürgersprechstunde ist dienstags von 10 bis 12 Uhr an der Borgfelder Straße 41.