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Im Herzen der Hansestadt

Historische Altstadt, Bahnhofsvorstadt und modernes Wohnen am Wasser: Bremens Zentrum vereint kräftige Kontraste / Neue Entwicklungsideen sollen in Mitte Akzente setzen

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Bremen Mitte: Obernstraße
Verwaltung und Politik, Shopping und Tourismus – im Zentrum schlägt der Puls der Gegenwart im Einklang mit der Historie. Foto: Kristina Wiede

Umschlossen von maritimer Schlachte, Findorff, dem Viertel und der Überseestadt, ist Bremen-Mitte nicht nur das geografische Zentrum der Stadt. Rund um den Marktplatz liegt mit Dom, Rathaus, Schütting und dem nahegelegenen Schnoorviertel auch das historisch-kulturelle Gedächtnis der Stadt. Unweit entfernt bilden Shoppingangebote in Obernstraße und Sögestraße einen scharfen Kontrast zu den sonst so romantischen Gässchen der Altstadt.

Bremen-Mitte ist bunt. Das Antlitz des Stadtteils soll sich nun gleich an mehreren Stellen ändern. Auf der Agenda der Behörden stehen seit Jahren die Entwicklung der Innenstadt und der Bahnhofsvorstadt.

Neue Räume zum Leben und Arbeiten

 

Das alte Kühne+Nagel-Gebäude wird abgerissen. Foto: Kristina Wiede

Während die Shoppingmeile seit Jahren an Leerstand und bescheidener Aufenthaltsqualität krankt, erscheint auch das Areal rund um den Bahnhof kaum einladend. Unwirtlich kommt es nicht nur aufgrund des klaffenden Lochs daher. Dort, wo bis Anfang 2019 das City-Gate-Hochhaus entstehen soll, dehnt sich derzeit noch die Baustelle aus. Die Hochstraße am Breitenweg, schmale Fußwege entlang der Discomeile und spärlich gesäte soziale Angebote stehen in Bahnhofsnähe außerdem auf der Mängelliste.

Erreichbare Ziele setzen

Was tut dem Quartier Bremen-Mitte gut? Ein Leitbild für die Entwicklung der Bahnhofsvorstadt hat eine Arbeitsgruppe aus Bürgern, Vertretern der Behörden und der Bremer Architektenkammer vorgestellt, deren Ergebnisse in einer Ausstellung des Bauressorts für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Auf Schautafeln präsentiert das „Real Labor“ zum einen bereits angestoßene Maßnahmen, darunter die Nutzung der Räumlichkeiten im Postamt 5 als Skatehalle und als Studentenwohnheim. Zum anderen brachte das Team visionäre Ideen ins Spiel, deren Machbarkeiten noch ungeprüft sind. „Wir müssen uns gewinnbare Ziele setzen“, sagte Senator Lohse bei der Eröffnung. Beteiligt an der Entwicklung des Leitbildes war unter anderem Senatsbaudirektorin Iris Reuther. An Ideen mangelte es der Arbeitsgruppe nicht. Unter der Prämisse, die Bahnhofsvorstadt urbaner, dichter, grüner, gleichberechtigender und bremischer zu gestalten, erwiesen sich zwei von vier Ideen als realisierbare Lösungsansätze.

Breite Wege

Die „Unorte“, wie Reuther die dunklen Winkel am Breitenweg bezeichnete, müssten freundlicher gestaltet werden. Der Raum unter und neben der Hochstraße könnte der Idee des Planungsteams folgend durch breite Gehwege, Bäume und Beete mit einfachen Mitteln attraktiver gemacht werden. Dazu müsste jedoch erst der Zentrale Omnibusbahnhof verlegt werden – ein Thema, das die Behörden seit Jahren beschäftigt. Aktueller Planungsstand: Er soll an den Rand des Güterbahnhofs verlagert werden.

Potenzial für Neues

Auch Wohnraum braucht die Stadt. Daher prüft die Behörde leerstehende Gebäude auf mögliche Umnutzung. Eines davon ist das Bundeswehrhochhaus an der Falkenstraße. In dessen unteren Etagen könnten laut Planungsteam Büro- und Gewerbefläche entstehen, die oberen Stockwerke bewohnt werden. Ergänzende Bebauung wäre auf den umliegenden Flächen möglich, sodass an dieser Stelle ein ganz neues Quartier entstehen könnte. Die Beteiligten begrüßten die gemeinschaftlichen Gedankenspiele als erste Impulse für weitere Schritte. Die Ausstellung ist noch bis zum 17. März im Foyer des Bauressorts, Contrescarpe 72, zu sehen.

Umgestaltung des Domshofs

Wochenmarkt, Karneval und andere Großveranstaltungen finden dort statt, und auch für Touristen ist der Domshof ein zentraler Ort, der zum Verweilen einlädt. Zumindest für diejenigen, die eine der raren Sitzgelegenheiten ergattern. Anrainer, allen voran Jens Lütjen, Geschäftsführender Gesellschafter der Robert C. Spies KG, machen sich derzeit für mehr Aufenthaltsqualität am Domshof stark und haben sich dazu mit Architekten, dem Denkmalschutz und den Behörden zusammengetan. Ein Wasserspiel, zusätzliches Grün, illuminierte Gebäude und mehr Fahrradparkplätze zählen zu den skizzierten Entwürfen. Manche Elemente sollen mobil bleiben, damit Wochenmarkt und Veranstaltungen weiterhin Platz finden. „Wenn alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen, können wir eventuell schon im kommenden Jahr mit der Umsetzung starten“, so Lütjen.

Citynahes Wohnen am Wasser

Bereits sichtbar sind indes zwei aktuelle Neubauprojekte im Zentrum. Während die Umsetzung der Wohnanlage „Stadtterassen“ in direkter Nähe zu den Wallanlagen bereits abgeschlossen ist, befindet sich das Neubauprojekt „Stephanietor“ an der Schlachte derzeit noch in der Bauphase.

Stadtterrassen

 

Die Stadtterrassen nahe der Wallanlagen.
Die Stadtterrassen zwischen Wallanlagen und Weser. Foto: Justus Grosse

Mehr als 100 Mietwohnungen sind zwischen 2013 und 2015 entstanden. Zwischen Wallanlagen und Weser liegen die hochwertig ausgestatteten und barrierefrei konzipierten Wohnhäuser mit aktuell acht freien Wohnungen. Shoppingangebote und Grünanlage sind nur einen Katzensprung entfernt. Insgesamt investierte die Justus Grosse Projektentwicklung dort einen zweistelligen Millionenbetrag.

Stephanitor

 

Stephanitor an der Weser.
So soll das Stephanitor mit sechs Gebäuden aussehen. Foto: R. Spies/Tektum

Auf Höhe der Marina entstehen aktuell sechs Wohnhäuser mit insgesamt 91 Wohneinheiten, direkt an der Schlachte. Die Neuinterpretation der schlanken Giebel-Architektur, die sich in das historische Umfeld einfügt, hat auch innen viel zu bieten: Die hauptsächlich zwischen 83 und 119 Quadratmeter großen Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sind mit Parkettböden und Fußbodenheizung ausgestattet.

 

Georg Skalecki vom Denkmalschutz.

„Ein harmonisches Zusammenspiel“

Georg Skalecki fordert sanften städtebaulichen Wandel

Seit jeher befindet sich die Stadt Bremen im Wandel. Kaum einer weiß das besser als Georg Skalecki. Als Leiter des Landesamtes für Denkmalschutz widmet er sich der Geschichte des Bremer Städtebaus, nicht ohne seinen Blick in die Zukunft zu richten. Im Interview warnt er vor radikalen Bauprojekten.

Herr Skalecki, als Denkmalschützer plädieren Sie in der Innenstadt für einen sanften Wandel. Futuristischen Neubauten, „mutigen Visionen“, wie Sie sie in Ihren Veröffentlichungen nennen, stehen Sie eher skeptisch gegenüber. Warum?
Georg Skalecki: Zunächst einmal kommt es darauf an, in welchem Kontext wir uns bewegen. Generell ist gegen mutige Visionen in der Architektur nichts einzuwenden. Allerdings können sie nur dort entstehen, ohne Schaden anzurichten, wo sie in die Umgebung passen. Sobald wir uns in der historischen Stadt befinden – und die Bremer Innenstadt hat eine ganz herausragende Altstadt mit einem Weltkulturerbe und vielen unter Denkmalschutz stehenden Großobjekten – muss man das besondere städtebauliche Geflecht berücksichtigen. Neubauten dürfen nur vorsichtige, moderate Akzente setzen, ohne das Gesamtbild zu stören. Das schreibt auch das Gesetz vor: Der Umgebungsschutz denkmalgeschützter Kulturdenkmäler ermächtigt uns als Vertreter des Landesamtes, mitzusprechen, sobald neue Gebäude entstehen sollen.

Kommen wir noch einmal zurück auf das städtebauliche Geflecht, wie sie es nennen. Was macht die Bremer Altstadt in dieser Hinsicht besonders?
Besonders im östlichen Bereich der Altstadt haben wir eine dichte historische Bebauung. Vor allem Großbauten des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende, die den Krieg gut überstanden haben, sind dort zu finden. Zudem haben wir den Schnoor und den historischen Marktplatz mit seinen Renaissancebauten – den Schütting und die kleinen Bürgerhäuser. Dieses enge Geflecht historischer Bauten ist selten, im Vergleich mit anderen deutschen Städten dieser Größe. Umso wichtiger ist unsere Aufgabe, auf dieses Erbe sorgsam zu achten.

Gibt es Beispiele für störende Neubauten aus der Geschichte der Bremer Innenstadt?
Es gibt eine ganze Reihe an neueren Bauten, die sich nicht in ihre Umgebung einfügen und damit Schaden an der ästhetischen Unversehrtheit anrichten. Das Amtsgericht von 1961, gegenüber des alten Landgerichts, ist so ein Negativbeispiel: Waschbeton auf der einen, denkmalgeschützte Architektur auf der anderen Seite – dieser krasse Kontrast ist unangenehm. Seinerzeit wurde diese moderne Bauweise hochgelobt, doch Versprechungen dieser Art sind, gestern wie heute, mit Vorsicht zu genießen. Die mutigen Visionen von damals bewerten wir aus heutiger Sicht als absolut rücksichtslos und misslungen.

Plädieren Sie für den Abriss dieser störenden Gebäude?
Als Denkmalpfleger interessiert mich vielmehr, welche dieser radikalen Bauten aus der Nachkriegszeit schützenswert sind, denn auch sie sind Ausdruck einer Epoche mit einem bestimmten Baustil. Derzeitige Prüfungen sollen das klären. Es ist unsere Aufgabe, jede Dekade exemplarisch im Stadtbild zu erhalten. In der breiten Öffentlichkeit sind diese brutalen Nachkriegsbauten allerdings nicht besonders beliebt, denn sie sind in die Jahre gekommen. Insbesondere Beton altert hässlich, und da sagen viele: Um diese Gebäude ist es nicht schade, die können weg.

Welche Neubauten aus der jüngeren Vergangenheit finden Sie gelungen?

Das moderne Bürgerschaftsgebäude am Marktplatz. Foto: Kristina Wiede

Erwähnen möchte ich als gelungene Lösung zum einen das Haus der Bürgerschaft am Marktplatz. Das Gebäude ist zwar unverkennbar modern, aber es fügt sich ein in den ganzen Reigen der umliegenden Bauten. Es nimmt mit seinen spitzen Giebelchen in der Dachkonstruktion Bezüge auf die Gauben am Schütting und am Rathaus, die Pfeiler erinnern an die Rathausarkaden. Ein zweites Beispiel ist der Neubau der Bremer Landesbank. Auch er fügt sich heute wie selbstverständlich in seine Umgebung ein. Wichtig sind Bezugnahmen auf die benachbarten historischen Architekturen und deren moderne Interpretation, um ein harmonisches Zusammenspiel zu entwerfen.

Was halten Sie von den Bebauungsplänen am Bahnhofsvorplatz?
Der Architekt Dudler hat bemerkenswerte Bauten errichtet. Ich kann aber kritische Sichtweisen verstehen. Seine Architektur kommt schroff und monoton daher. Seine Handschrift hat zwar global betrachtet einen hohen Wiedererkennungswert, ist aber ortlos und weist somit auch keine bremenspezifischen Aspekte auf. Ganz anders sind die Architekten Hilmes und Lamprecht an die Bebauung des Grundstücks im Stephaniequartier herangegangen. Sie haben in ihrem Entwurf ganz bewusst ortspezifische Formen aufgegriffen: Dort entstehen derzeit schmale Bauten mit Giebelspitzdächern, die den historischen Bremer Packhäusern ähneln. An diesen beiden aktuellen Beispielen ist erkennbar, wie unterschiedlich Architekten arbeiten.

Das Interview führte Kristina Wiede