Start Bremen Stadtteilrundgang Auf Entdeckertour durch Vegesack

Auf Entdeckertour durch Vegesack

Das maritime Erbe Bremens birgt überraschende Kulturschätze

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Foto: Christian Kosak

Dort, wo das Wasser der Weser, Lesum und Schönebecker Aue ineinander fließen, liegt im Bremer Norden der Stadtteil Vegesack. Derzeit entwickelt sich das Quartier zu einem attraktiven Wohnort für junge Familien. Solider Einzelhandel, ein reges Kulturangebot und der maritime Charme zeichnen das Zentrum des Stadtbezirks Bremen-Nord aus. Rund 33.000 Bewohner verteilen sich auf die fünf Ortsteile: Vegesack, Grohn, Schönebeck, Aumund-Hammersbeck und Fähr-Lobbendorf. Sowohl Ansässige als Besucher treffen insbesondere im Vegesacker Zentrum auf überraschend vielseitige Angebote. Wolfgang Helms vom Vegesack Marketing und Malte Prieser vom Kulturbüro Nord zeigen bei einem Rundgang, wo das Herz des Stadtteils schlägt.

 

Wolfgang Helms.
Wolfgang Helms an Deck der „Schulschiff Deutschland“.Foto: Kristina Wiede

Es hat sich einiges getan im Laufe der vergangenen Jahre: das Festival Maritim entlang des Weserufers ist mit bis zu 120.000 Gästen das Event des Jahres , Vegesacker Winterspaß und Kindertag haben sich zu beliebten Angeboten entwickelt und seit Mitte November empfangen Smartphones entlang der maritimen Meile freies Wlan. Wolfgang Helms ist zufrieden. Seit sechs Jahren zieht der Geschäftsführer des Vereins Vegesack Marketing gemeinsam mit Geschäftsleuten sowie Akteuren aus den Bereichen Kultur, Freizeit und Tourismus an einem Strang, um die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern.

Wohnen an der Wasserkante

„Nirgends ist die Weser schöner“, sagt der gebürtige Hamburger, dem die Weserpromenade schon bei seinem ersten Besuch an Herz wuchs. Ein Bild in seinem Büro zeigt das sommerlich-maritime Flair an der Wasserkante. Die erste Station des Rundgangs durch das Vegesacker Zentrum führt durch die Shopping-Meile zum Vegesacker Balkon, einem Aussichtspunkt, der einen charmanten Ausblick auf die Weser offenbart. Auf selber Höhe liegen zu beiden Seiten imposante Villen, die Residenzen namhafter Kapitäne, unterhalb erstreckt sich der Stadtgarten mit seinen exotischen Pflanzen aus aller Welt. Entlang der Weserstraße wurde in diverse Neubauten reichlich investiert. Prestigeträchtige Bauprojekte in Bestlage sind unter anderem „Belle-Vue“ sowie der Umbau der 1876 erbauten Villa Fritze, einer der prächtigsten Villen in Bremen-Vegesack überhaupt. In den letzten Jahrzehnten wurde sie vom Ortsamt Vegesack genutzt, nun entstehen im Rahmen des Umbaus sechs Wohneinheiten, deren Wohnflächen von 118 bis 210 Quadratmeter reichen.

Museumshafen und Maritime Meile

 

Die Lürssen Werft.

Schiffsromantik ist eine Etage tiefer zum Greifen nah. Im Museumshafen liegen historische Schiffe, gegenüber die Lürssen-Werft-Verwaltung. Hinter dem Alten Speicher, wo im kommenden Frühjahr das Vegesacker Geschichtenhaus eröffnen soll, liegt am Kantjespad eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten des Bremer Nordens: Die „Schulschiff Deutschland“. Rutschig ist es an diesem Dezembertag an Deck, von der Weser weht eine feuchte Brise herüber. Der mehr als 86 Meter lange Dreimaster – das letzte erhaltene deutsche Vollschiff – hat kürzlich einen frischen Anstrich erhalten. Spenden an den Schulschiff-Verein haben die Arbeiten ermöglicht. 1927 gebaut, steht das Ausbildungsschiff seit 1996 an seinem jetzigen Liegeplatz für Besucher offen, Hochzeiten, Übernachtungen und Tagungen sind ebenfalls an Bord möglich.

 

Am Anleger setzen Passagiere und Autos ans andere Ufer in Lemwerder über.

Am Utkiek geht es vorbei zum Anleger, von wo aus Passagiere und Autos ans andere Ufer in Lemwerder übersetzen. Ein kleines Grüppchen hat sich am Fährkiosk versammelt, der sei wie eine Institution. Dort sei immer etwas los, erklärt Helms. Wenn er auf seiner Yamaha MT01 im Umland eine Spritztour unternimmt, wählt er oft eine Route, die ihn in den Genuss einer Fährfahrt bringt. Im Sommer, wenn das Festival Maritim zum 18. Mal Künstler versammelt und wieder tausende Besucher in den Bremer Norden lockt, vollführt die Fähre des Öfteren ein kleines „Tänzchen“ auf der Weser. „Dann dreht sie Pirouetten“, weiß Helms.

 

Das bronzene Denkmal am Vegesacker Hafen wurde von der Bildhauerin Christa Baumgärtel hergestellt.

Wir passieren den bronzenen Walkiefer, er steht sinnbildlich für die Geschichte der Seefahrt. Von hier aus stachen seit dem 17. Jahrhundert die Walfänger in Richtung Grönland in See. Es geht weiter die maritime Meile entlang, bis zum Tor der ehemaligen Vulkan Werft. In den 90er Jahren gingen dort noch tausende Werftarbeiter ein und aus, 1000 Schiffe liefen vom Stapel – vom Fischdampfer über Containerschiffe bis hin zu U-Booten. 1996 meldete der Vorstand Konkurs an, ein Jahr später folgte die Stillegung. Am gegenüberliegenden Ufer hingegen floriert das Geschäft. Im vergangenen Jahr stellte die Lürssen-Werft die weltweit größte Luxusyacht fertig, vor wenigen Monaten übernahm sie zudem die Hamburger Werft Blohm+Voss. „Vegesack ist in Deutschland der einzige Ort, an dem Milliardäre einkaufen“, sagt Helms. Erfreuliches und Heikles lägen im Stadtteil nah beeinander. Einige „bauliche Wunden“ gebe es, die nicht heilen wollen. Das Einkaufszentrum Haven Höft ist eine davon, die leer stehende Markthalle die andere.

Grünmarkt, Winterspaß und Shopping

 

Hartwig Jüchter vom Grünmarkt.

Zurück in Bremens zweitgrößte Innenstadt: Drei Mal pro Woche beschicken die Händler den Grünmarkt am Sedanplatz mit Lebensmitteln, Spezialitäten und Produkten des täglichen Bedarfs. Einer von ihnen ist Hartwig Jüchter, der den Stand 1972 von seiner Mutter übernommen hat. Wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als der Markt noch in Aumund stattfand. Zu wenig Platz stehe für den Grünmarkt am Sedanplatz zu Verfügung, der Bau der Markthalle im Jahr 2007 habe dazu erheblich beigetragen. Dass der private Eigentümer das Gebäude seit Wochen leer stehen lässt, sorgt bei Jüchter für Kopfschütteln.

Vegesacker Winterspaß mit Schlittschuhbahn.

Auch Helms hofft auf eine langfristige Lösung, einen Neubau würde er sich für den Standort wünschen.Nur wenige Meter entfernt ist die Stimmung ausgelassen, Schulkinder drehen auf der Schlittschuhbahn ihre Runden, vom Kinderkarussell her tönt es „leise rieselt der Schnee“. Noch ist es dafür zu mild, nur in der überdachten Halle sorgt gefrorenes Nass für den „Vegesacker Winterspaß“, einem Angebot des Marketing-Vereins. Sandra Böseler kümmert sich dort noch bis zum 8. Januar um reibungslose Schlitterpartien. In Kürze treten Teams beim Eisstockschießen gegeneinander an, „ein Highlight der Saison“, sagt Helms abschließend bei einer heißen Schokolade.

Da ist was los in Vegesack

In direkter Nähe liegt am Sedanplatz das Gustav-Heinemann-Bürgerhaus mit vielfältigen Kulturangeboten. Malte Prieser, Geschäftsführer des Kulturbüros Nord, geht dort fast täglich ein und aus und führt durch das geräumige Gebäude. Unter anderem sind darin die Volkshochschule, Stiftungen, Seminarräume sowie der Kindercircus Tohuwabohu untergebracht. Prieser ist seit zehn Jahren verantwortlich für das Kulturprogramm im Stadtteil. Mit den Räumlichkeiten im Kulturbahnhof (KUBA), dem Saal im Bürgerhaus und dem KITO im Alten Packhaus hat das Kulturbüro drei Veranstaltungsorte, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während im KUBA hauptsächlich junges Publikum verkehrt, erlaubt die Ausstattung des Saals im Bürgerhaus Hörerlebnisse der Extraklasse. Musiker und Theaterschauspieler, die dort regelmäßig auf der Bühne stehen, wissen die Akustik zu schätzen.

 

„Retro ist andernorts hip, hier ist es authentisch“, sagt Malte Prieser vom Kulturbüro Nord. Foto: Kristina Wiede

Vom Sedanplatz geht es ins alte Vegesack, wo einst Seefahrer in die zahlreichen Kneipen einkehrten, bevor sie auf große Fahrt gingen. Hinterm Utkiek liegt das Alte Packhaus an der Alten Hafenstraße. Als Malte Prieser den Raum in der oberen Etage betritt, grüßt er die Geister, die das annähernd 400 Jahre alte Gebälk des Dachstuhls bewohnen. „Dieser Raum hat eine einzigartige Atmosphäre“, so Prieser. Als Sänger der Ska-Band Schwarz Auf Weiss hat er schon so manchen Veranstaltungsort besucht, doch dieser hat es ihm angetan. Er erzeuge „intime Momente“. Dem Stadtbremer ist es gelungen, das KITO mit Konzerten und Kabarettvorstellungen wiederzubeleben und freut sich über ausverkaufte Abende.

In der ersten Etage des denkmalgeschützten Packhauses leitet Katja Pourshirazi das Overbeck-Museum. Gemälde des Künstlerpaares Fritz und Hermine Overbeck stehen in regelmäßig wechselnden Ausstellungen zeitgenössischen Kunstwerken gegenüber. Jeden Monat haben Besucher die Möglichkeit, sich dem „Bild des Monats“ genauer zu widmen und in einer halbstündigen Führung spannende Details zu entdecken. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit setzt die Leiterin auf museumspädagogische Angebote. Schülergruppen und auch junge Geflüchtete sind eingeladen, sich im Kinder-Kunstraum im Farbenspiel auf Papier auszuprobieren und die Worpsweder Maler in den Ausstellungsräumen auf sich wirken zu lassen. Kinder bis 18 Jahre haben im Museum freien Eintritt, denn „selbst ein geringer Eintrittspreis ist für viele der Kinder, die zu uns kommen, unbezahlbar“, sagt Pourshirazi. Im Erdgeschoss des historischen Gebäudes herrscht reges Treiben, das Interieur des Café Erlesenes hält nicht nur Leckereien bereit, auch die Möbel kann der Gast zu Kaffee und Kuchen gleich mitbestellen. Gleiches gilt in der Cafeteria des Bürgerhauses. „Retro ist andernorts hip, hier ist es authentisch“, sagt Prieser.

Die letzte Etappe des Rundgangs führt abermals an einen besonderen historischen Ort. An der Sagerstraße führt, eine Treppe unter die Grasnarbe. Auch hier grüßt Prieser die Geister. Die weiß getünchten Backsteine würden bestimmt Bände sprechen, wenn sie könnten. In den ursprünglich erhaltenen Kellerräumen können Gäste im Rahmen der Clubnight Konzerte und Kulinarisches genießen.

Auf dem Rückweg in Richtung Vegesacker Bahnhof funkeln hier und da die LEDs der Lichterketten. Es ist ruhig an diesem Abend, doch es wird nicht lange dauern, bis zum nächsten Event. „Dass in Vegesack nichts los ist, das habe ich schon seit Langem nicht mehr zu hören bekommen“, sagt Prieser.