Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Konzerte vom USB-Stick

Konzerte vom USB-Stick

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und nimmt dabei auch sich selbst schon mal auf die Schippe.

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Foto: Frank Pusch

Nach Auto-Kino kommen jetzt Auto-Konzerte? Für VW-Bulli-Besitzer eine feine Sache, da passt ’ne komplette Band ’rein, aber der Sicherheitsabstand wird dann nicht eingehalten. Wer unterwegs als Road-Movie- Ersatz sein eigenes Musikprogramm hören möchte, kommt an einer eigenen Playlist auf USB-Stick nicht vorbei. Die Zeiten von Kassettendecks mit Bandsalat sind genauso vorbei wie die der CD-Wechsler, die sowieso nie von sich aus die CDs gewechselt haben. Das war immer ich. Kam während der Fahrt aber nicht wirklich gut, mit nur einer Hand am Lenkrad und mit der anderen die richtige CD aus dem Handschuhfach zu fischen. Ich musste mir allerdings nur die Optik der CD-Booklets merken.

Jetzt ziehe ich also meine digitalisierte Playlist erst auf den PC und dann auf den Stick. Ich habe aber auch noch Schallplatten – voll retro, oder? Dafür gibt’s dann aber ja Alexa, der man nur sagen soll, was man sucht. Blöd allerdings, dass ich mir lieber Bilder statt Band-, LP- oder Songnamen merke: „Alexa, spiel’ mal die LP der Stones mit dem Wackelbild, zweite Seite, erstes Stück!“ Hm, was sucht das Mädel jetzt? Oder: „Alexa, spiel’ mal das letzte Stück der neuen CD von der Tochter von Ravi Shankar!“ Das klingt kompliziert, aber so denke ich eben und so finde ich auch meine Lieblingssongs. Also habe ich mir einen Plattenspieler gekauft, mit dem ich zusätzlich noch Kassetten auf einen USB-Stick überspielen kann. Und dann noch einen extra CD-Player – auch zum kopieren auf USB, weil der Plattenspieler das nicht auch noch konnte. Bei einem Stick mit 64 Gigabyte kann ich tausende Lieblingssongs speichern. Will ich das?

Ein Song dauert im Schnitt drei Minuten, mal 5000-6.000 Songs… wie lange bin ich denn dann mit dem Auto unterwegs, wenn ich die alle hören will? Ein paar Songs würden mir reichen, aber ich kenne ja die Künstler oder die Songtitel nicht. Wie soll ich die auf dem Stick finden? Ein Streamingdienst für mein Handy wäre die Lösung, aber ich darf ja das Handy ohne Halterung während der Fahrt nicht in der Hand halten. Außerdem muss laut StVO im Auto die Lautstärke so sein, dass sich Fahrer und Beifahrer problemlos unterhalten können. Will ich mich unterhalten? Eher nicht. Ich bin mehr so der Grönemeyer-Typ: „Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist.“ Wann gibt es endlich wieder ganz normale Livekonzerte? Keine Ahnung? Bis dahin krame ich in meiner alten Schallplattensammlung und suche schon mal die Scheiben ’raus, auf denen ich mir auf der Rückseite mit Kugelschreiber meine Lieblingssongs gekennzeichnet hatte. Die LP von den Stones mit dem Wackelbild heißt übrigens „Their Satanic Majesties Request“, die Tochter von Ravi Shankar heißt Norah Jones und der Typ mit dem brennenden Anzug ist auf der Pink-Floyd-LP „Wish you were here“. Ach, da fällt mir gerade ein: Ich habe ja gar kein Auto.