Start Bremen „Kinder an die Macht“

„Kinder an die Macht“

In Walle entsteht derzeit die Kinderstadt "Bremopolis"

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Foto: MÄR

Die erste Bremer Kinderstadt „Bremopolis“ ist eröffnet. Auf dem Vereinsgelände des TV Bremen-Walle wird in den nächsten fünf Tagen gespielt, gestaltet und selbst regiert. Die Bremer Sportjugend ermöglicht gemeinsam mit Sponsoren rund 40 Kindern das Kennenlernen von Berufen und vieles mehr.

„Gebt den Kindern das Kommando“ sang Herbert Grönemeyer bereits 1986 in seinem Lied „Kinder an die Macht“. Die Utopie von vor über 30 Jahren wird jetzt – zumindest in Teilen – zur Realität. Knapp 40 Kinder können sich derzeit in Walle im Rahmen eines Ferienprogramms den Umgang mit Macht, Demokratie, Wirtschaft und Handwerk ausprobieren.

Die Kinderstadt ensteht (5. Bis 9. August) auf dem Vereinsgelände des TV Bremen-Walle. Dort liegen bunte Autoreifen, Bauklötze und jede Menge Spielbälle auf dem Rasen. Eingekreist wird der Spielbereich durch mehrere Zelte. Jedes davon hat ein eigenes Thema, an dem die Kinder täglich arbeiten. Die Anmeldung für die „Bremopolis“ erfolgte im Vorfeld über die gleichnamige Website.

So vielfältig wie die Themen, ist auch die Tagesplanung der Kinder. Diese sei immer unterschiedlich, erklärt Linus Edwards, Abteilungsleiter Bremer Sportjugend beim Landessportbund Bremen (LSB). Ankunft der Kinder sei zwischen acht und neun Uhr, danach gehe es erstmal ins Zelt des Jobcenters, um einen Beruf zu wählen. Zur Auswahl stehen die Bank, das Handwerk, die Regierung, das Krankenhaus und der Einzelhandel. Hier haben die Kinder die Qual der Wahl, dürfen aber keinen Beruf zweimal machen. So könnten die Kinder jeden Tag etwas Neues ausprobieren. Nur die Regierung, die am nächsten Tag demokratisch und natürlich von den Kindern gewählt werde, bleibe dann für die ganze Woche. Lieke ist acht Jahre alt und weiß schon genau für wen sie morgen stimmen wird. „Opa, was ist ein Schneemann?“, heißt die Partei, die ihr besonders gut gefällt. Zusammen mit dem gleichaltrigen Jordi hat sie heute als Reporterin gearbeitet. Ihre Zeitung heißt der „Bremopolis-Kurier“, erzählt sie stolz, während sie auf das selbst gemalte Logo zeigt.

Foto: MÄR

Die Arbeit der Kinder ist nicht umsonst. Sie werden pro Stunde bezahlt, und zwar mit einer eigenen Währung. Diese wird im „Bankzelt“ hergestellt und verteilt. Dort kann ein eigenes Konto eröffnet werden, berichtet der achtjährige Piet, der heute als Bänker gearbeitet hat und sich gerade mit seiner Nebentätigkeit als Werbegestalter für den Minimarkt fünf „Bremer“ dazu verdient. Damit kann er in der Mittagspause im Essenszelt sein Wunschgericht bezahlen. Eine Cateringfirma hat hier für ein warmes Büffet gesorgt, bei dem die Kinder individuell ihr Essen zusammenstellen können.

„Nachmittags ist dann bis 16 Uhr Zeit zum Spielen, Basteln und Schminken“, erzählen Laureen und Carmen, die hier als freiwillige Helferinnen tatkräftig unterstützen. Sie studieren beide Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen. Auch nächstes Jahr wollen sie wieder dabei sein. „Wir lernen jetzt für die nächsten Jahre“, sagt Laureen und verweist darauf, dass die „Bremopolis“ heute ihre Premiere feiert. Besonders gut gefällt ihnen, dass die Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren alt sind und damit viel Abwechslung für die beiden Helferinnen dabei ist. Für ihre Mitarbeit erhalten sie eine kleine Aufwandsentschädigung.

Es sei ein Pilotprojekt, wie der Vertreter der Bremer Sportjugend Bernd Giesecke später betont. Vorbild dafür war die Karlsruher Kinderspielstadt „Karlopolis“, die 2015 ins Leben gerufen wurde. Das Konzept hinter dem Projekt ist eindeutig. Die Kinder sollen eigenständig und spielerisch in die Zukunft schnuppern und dabei lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Susanne Ahlers ist Chefin des Bremer Jobcenters. Sie verweist auf die Relevanz aktueller Themen, wie zum Beispiel den Klimaschutz, die in der Kinderstadt interaktiv thematisiert werden sollen. „Mischt euch ein!“, lautet ihre Botschaft an die Kinder.

Das „Einmischen“ ist vor allem in dem Regierungszelt zu spüren. Jan-Henrik, Linus und Johann sind elf Jahre alt und erzählen Näheres zu ihrer Partei „Opa, was ist ein Schneemann?“. Es herrsche Unzufriedenheit über die aktuelle Politik, gerade wenn es ums Klima ginge. Gemeinsam haben sie sich Ideen überlegt, wie sie es in der Kinderstadt besser machen können. Auf Plastikflaschen wollen sie verzichten und eine Aktion ins Leben rufen, in der die Kinder ihre selbstverdienten „Bremer“ spenden können. Jan-Henrik gefällt, dass hier in der „Bremopolis“ die Kinder das Sagen haben und nicht die Erwachsenen. „Wir bauen uns unsere eigene Welt“, fügt Johann noch hinzu.

Auf der grünen Wiese geht es sehr harmonisch zu, und obwohl es dann zum Schluss noch zu regnen anfängt, sind sich am Ende des Tages alle einig: Die „Bremopolis“ soll im nächsten Jahr in die zweite Runde gehen und bis dahin weiter wachsen.

Weitere Infos: https://www.bremopolis.de/start.html

Von Jule Lotz

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