Start Bremen Jonny blickt auf Werder Quarantäne und Geisterspiele

Quarantäne und Geisterspiele

Jonny Otten, Jahrgang 1961, machte von 1979 bis 1992 insgesamt 349 Spiele für Werder Bremen, in denen er drei Tore erzielte. Zudem brachte er es auf sechs Einsätze für die Nationalmannschaft. Im STADTMAGAZIN wirft der ehemalige Linksverteidiger einen monatlichen Blick auf Werder.

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Jonny Otten.

Was für eine Saison für Werder Bremen – und das ausschließlich im negativen Sinne. Fußballerisch weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben droht der Abstieg in die zweite Bundesliga. Und auch finanziell sieht es düster für den Traditionsklub von der Weser aus – die Folgen der Corona-Pandemie. Ich kann mich an nichts auch nur ansatzweise vergleichbares erinnern. Natürlich gab es auch zu meiner aktiven Zeit schon ansteckende Krankheiten – die Influenza machte auch vor einem Bundesligaprofi nicht halt. Und als ich damals als Erwachsener ein zweites Mal die Windpocken bekam, musste ich damit für eine Woche in Quarantäne – der Spielbetrieb ging für alle anderen aber komplett normal weiter. Auch an Geisterspiele, wie sie derzeit geplant werden, kann ich mich nicht erinnern.

Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Finale im Europapokal der Pokalsieger am 6. Mai 1992 gegen den AS Monaco im Estádio da Luz in Lissabon. 90.000 Zuschauer passten in die riesige Schüssel, gerade einmal 15.000 waren da. Und die waren auch noch soweit weg, dass man sie kaum hören konnte. So konnten wir uns noch besser auf unser Spiel konzentrieren und den großen Favoriten aus Frankreich 2:0 besiegen. Das hatten uns gegen das von Arsène Wenger trainierte Starensemble um George Weah, Emmanuel Petit und Rui Barros nur die wenigsten zugetraut. Mit dem richtigen Willen und der richtigen Einstellung haben wir es aber geschafft.

Sollte es zu Geisterspielen in der Bundesliga kommen, bin ich sehr gespannt, wie die Bremer sich präsentieren. Ich wünsche ihnen dafür unsere Mentalität von damals. Charakter ist gefragt. Bei solchen Spielen fallen die Einflüsse von außen fast komplett weg. Lediglich den Trainer und Mitspieler versteht man besser. Für uns war dass damals in Portugal jedenfalls kein Nachteil.