Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Ich versteh’ nur Bahnhof

Ich versteh’ nur Bahnhof

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen

275
Matthias Höllings
Matthias Höllings.

Vor dem letzten Konzert von Elton John in Bremen traf ich unter den Besuchern am Getränkestand auch ein paar Engländer und kam mit ihnen ins Gespräch. Was man so Gespräch nennt – mal Deutsch/Englisch, mal umgekehrt. Mein Schulenglisch setzte mir dabei immer wieder Grenzen. Das ginge ihnen ähnlich, meinten die Briten. Auch nach Jahren in Deutschland kämen sie mit unseren Redewendungen immer noch nicht klar. Die machten für sie oft keinen Sinn. Das war natürlich eine Steilvorlage für mich und ich legte los.

„Jungs, mein Englisch ist auch unter aller Kanone. Ich steh’ oft selbst da wie bestellt und nicht abgeholt und versteh’ nur Bahnhof. Da verfranzt man sich schon mal. Ich mach’ euch einen Vorschlag zur Güte und versuche es mal mit ein paar Erklärungen, ok?“
Die Bierglas haltenden Insulaner sahen mich fragend an und ich grübelte, was ich von den vielen gelesenen Erklärungen über Redewendungen noch behalten hatte.
„Also, mit Kanonen ist nicht die Waffe gemeint, sondern Schilfrohr, das früher als eine Art Maßeinheit galt. Sub omni canone – unter jedem Kanon/Maßstab heißt es auf Lateinisch (hatte mir mein Onkel mal erzählt). Bestellt und nicht abgeholt hat nichts mit Amazon zu tun. Gemeint ist hier ein Verehrer, der bei einem Rendevouz, also bei einem Date, vergebens auf seine Angebetete wartet. Die Sache mit dem Bahnhof stammt noch aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Damals war der Bahnhof der Inbegriff für das Warten auf die Heimkehrer aus dem Krieg. Alles andere war unwichtig und wurde ausgeblendet. Auch zu der Zeit nannten sich in der Fliegersprache die Piloten scherzhaft Emil und die Co-Piloten, die auch als Navigatoren tätig waren, nannten sich Franz. Wenn die allerdings mal die Orientierung verloren, hatte sich das Flugzeug verfranzt. Mit dem Vorschlag zur Güte geht es bis ins 18. Jahrhundert zurück: Beim Dreschen des Getreides gab einer mit dem Dreschflegel den Takt vor. Häufig war das so etwas wie ein Vorarbeiter, der den anderen Ratschläge gab, wie es am besten ging, um die entsprechende Güte zu erreichen.“
„Na, habt ihr das jetzt alles kapiert?“, fragte ich vergnügt meine Engländer, die mich ungläubig ansahen. Einer von Ihnen fasste es treffend zusammen:
„Hey, man, all I understood is Bahnhof.“

Wir schlenderten kurz vor Konzertbeginn zu unseren Plätzen. Einer der Briten meinte grinsend zu mir: „You’re realy a german egghead.“ Jetzt schaute ich ihn fragend an und verstand nur Bahnhof, bekam aber prompt seine Erklärung: „Wir nennen es Eierkopf, ihr nennt das, glaube ich, Schlaumeier, oder?“