Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Wertschätzung für alle

Wertschätzung für alle

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch schon mal einen Blick hinter die Kulissen.

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In den letzten Jahrzehnten habe ich mich bei Konzerten oft gefragt, warum es eigentlich so schwer ist, selbst auch einmal im Arbeitsleben vom Chef oder den Kollegen ein wenig Wertschätzung für die geleistete Arbeit zu erhalten? Aber zumindest Chefs stehen ja eh unter dem Generalverdacht anzunehmen, dass Arbeitnehmer von Natur aus faul sind und man sie nur schwer mit einer vorgehaltenen Mohrrübe motivieren kann. Trotzdem gilt richtiges Loben als intelligenter Applaus und damit als Labsal für die Seele, obwohl ein Lob auch immer eine Art Handel ist. Macht man etwas richtig, wird man gelobt. Wenn nicht, gibt es einen Anpfiff. Da geht es den Stars auf der Bühne nicht anders. Die Besucher haben gezahlt und wollen jetzt Leistung sehen. Trotzdem ist der Applaus das akustische Schulterklopfen, mit dem man als Zuschauer sagen will: „Das hast du gut gemacht!“ Wer möchte das an seinem Arbeitsplatz nicht auch einmal spüren? Dass das, was da Tag ein Tag aus geleistet wird, gesehen und anerkannt – eben wertgeschätzt – wird. Das größte Lob, das ich während meiner Lehrzeit in Ostfriesland einmal erfahren habe, war ein „Aha?“ vom Meister. Mehr war nicht drin bei diesen zurückhaltenden Nordlichtern von der Küste.

Und die Stars? Wolfgang Niedecken hat einmal aus den Anfangstagen der Gruppe BAP berichtet, dass nach dem ausgiebigen Zugabenteil das Publikum einfach nicht nach Hause wollte und sie daher so lange gespielt hätten, bis ihnen nichts mehr einfiel – und das war dann nach fünfeinhalb Stunden. Ähnlich erging es Chris de Burgh in Bremen, dessen Zugabenteil auf einer Welle der Begeisterung länger wurde als das eigentliche Konzert. Jennifer Rush setzte sich vor Jahren in der Bremer Glocke erschöpft auf den Bühnenrand und sang aus Ermangelung weiterer Zugaben mit tränenerstickter Stimme ein Schlaflied, dass ihre Mutter ihr früher vorgesungen hatte. Da heulte sogar das Publikum. Das ist mehr als Lob, mehr als Applaus, das ist gegenseitige Wertschätzung.

Elton John hatte Mitte der 70er Jahre gewettet, dass, falls es der Lennon-Song „What ever get’s you thru the night“ in Amerika auf Platz 1 der Charts schafft, er den Song mit Lennon live spielen würde. John gewann und hielt die Wette im Madison Square Garden am Thanksgiving-Tag 1974. Besagtes Stück nahm sich später Tagesthemenmoderator Thomas Roth zu Herzen und wünschte allabendlich den TV-Zuschauern: „Kommen Sie gut durch die Nacht.“ Sein Nachfolger Ingo Zamperoni hatte es da schwerer. In seiner ersten Sendung 2016 fragte er den damaligen Präsidenten des EU-Parlamentes Martin Schulz, ob der als SPD-Kandidat nach Berlin gehen wolle? Schulz antwortete: „Herr Zamperoni, das ist ja heute Ihre erste Sendung und deshalb ist die Frage sicher auch ganz toll. Und ich wünsche Ihnen viel Erfolg – vor allem dabei, Ihren Schlusssatz zu finden.“ Meiner lautet: „Wir schätzen Sie als Leser sehr – kommen Sie gut durch dieses Magazin!“