Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Musik, die nicht stört

Musik, die nicht stört

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen

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Foto: Frank Pusch

Früher gab es immer weiße Winter und den ganzen Dezember dudelte nur nervende Weihnachtsmusik. Stimmt so nicht, aber wie wäre es denn einmal mit Musik, die nicht stört – auch ohne Schnee? Als einer der Ur-Väter dieser Musik – heute würde man Lounge-Musik sagen – gilt Bert Kaempfert.

Als Pionier des Easy-Listening erfand er schon weit vor James Last seinen ganz eigenen Sound. Seine Zutaten dafür waren so einfach wie genial. Er ließ den Schlagzeuger nur mit Besen spielen, dazu einen „Walking-Bass“, fügte viele Blechbläser hinzu und der Chor verzichtete komplett auf Songtexte und begnügte sich mit lang gehaltenen Vokalen. Ergebnis: Der Hit „Wonderland by Night“, bei dem es nicht um eine schöne Winterlandschaft geht, sondern um eine Hommage an Manhatten. Egal, Bert Kaempfert brachte es damit als erster Deutscher Anfang der Sechziger auf Platz 1 der amerikanischen Single-Charts – und das gleich für fünf Wochen. Hätte Kaempfert diesen Song über seinen Geburtsort Hamburg-Barmbek geschrieben, wäre er wohl etwas ruppiger ausgefallen. 1946, gerade frisch verheiratet, zog er nach Bremerhaven, ahnte dort jedoch noch nicht, dass er es mal zu einem ganz besonderen Prädikat bringen würde: Einziger Komponist weltweit, der für Elvis, Frank Sinatra und die Beatles komponiert hat. Seinen Song „Spanish Eyes“ sang nicht nur Al Martino, sondern auch Elvis.

Für Letzteren arrangierte er auch „Wooden Heart“ („Muss I denn zum Städtele hinaus“) und für Freddy geht der Klassiker „Die Gitarre und das Meer“ auf sein Konto. Seinen Hit „Strangers in the Night“ von 1966 machte Frank Sinatra zum Evergreen. Dafür gab es damals sogar eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Song des Jahres“. Den Preis verfehlte er nur knapp, denn der ging für das Lied „Michelle“ an die Beatles und blieb damit zumindest gefühlt in der Familie. Familie, weil Kaempfert fünf Jahre zuvor die Musiker aus Liverpool als Begleitband „The Beat Brothers“ für den damals in Hamburg auf der Reeperbahn gastierenden Sänger Tony Sheridan entdeckte und sogar unter Vertrag nahm. Die von Kaempfert produzierte Single „My Bonnie / The Saints“ sollte musikalische Weltgeschichte schreiben. An dieser Geschichtsschreibung war er jedoch nicht mehr beteiligt, da Kaempfert einen Brief an den Manager der Musiker, die jetzt Beatles hießen, schrieb. Diesem Manager Epstein bot Kaempfert die wilden Jungs an, da er nicht wusste, was er mit ihnen auf Dauer anfangen sollte. 1980 gastierte Bert Kaempfert in der ausverkauften Londoner Royal Albert Hall und verstarb nur fünf Tage später auf Mallorca. Doch seine Musik, sein Sound, seine Arrangements und seine Welthits sind geblieben und werden durch Marc Secara & Orchester in der Vorweihnachtszeit als Neubearbeitung am 16. Dezember im Metropol Theater Bremen im Sinne von Bert Kaempfert zu hören sein, der einst meinte: „Ich möchte Musik machen, die nicht stört.“