Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Klatschen ist ansteckend

Klatschen ist ansteckend

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen.

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Foto: Frank Pusch

Abends in der Stadt gehen die Fenster auf und die Menschen beginnen zu klatschen. Applaus für alle Helfer in der heutigen Zeit. Hätte ich immer schon gut gefunden – ist aber niemand drauf gekommen. Schade. Jetzt klatschen sie alle, wohl auch, weil ihnen etwas fehlt. Toll. Klatschen ist ansteckend.

Wer kennt ihn nicht, diesen magischen Moment in einem Konzert. Der letzte Ton ist verklungen und dann brandet ohrenbetäubender Applaus auf, ohne dass sich das Publikum untereinander abgesprochen hätte. Jeder klatscht für sich, doch alle machen mit. Aber was passiert, wenn der Applaus einmal ausbleibt? Eric Clapton ist das einmal bei einem Konzert in der Hamburger Musikhalle passiert. Er beendete seinen Song, blickte ins Scheinwerferlicht und wartete auf seinen verdienten Applaus. Doch es passierte nichts. Die Zuschauer in den ersten Reihen standen auf und verließen den Saal, weil sie der Meinung waren, Clapton hätte sich keine Mühe gegeben.

Klatschen steckt tief in uns, ist Lob, Liebe, Anerkennung und Freude. Udo Jürgens wusste Ähnliches wie Clapton zu berichten: „Es war in Frankfurt. Normalerweise dauert es nach Ende eines Liedes zwei bis drei Sekunden, bis das Klatschen der Leute einsetzt. Diesmal dauerte es, aus welchen Gründen auch immer, zwei Sekunden länger. Diese zwei Sekunden wurden für mich zur Ewigkeit. Ich bin an meinem Klavier fast gestorben.“

Klatschen ist lebensnotwendig. Es sind die ersten Klänge, die wir als Kind selbst erzeugen können. Neugeborene versuchen das sogar zusätzlich noch mit den Füßen. Und Klatschen ist auch heute noch ein Wort, das aus unserem Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist: Nasse Segel klatschen, Regen klatscht ans Fenster, Wellen an den Bug eines Schiffes. Wenn aber Frauen die Köpfe zusammenstecken und klatschen, ist es mit dem Applaus vorbei, dann geht es um den Austausch von Neuigkeiten. Zurückzuführen ist das auf die „Große Wäsche“, zu der sich die Frauen früher für mehrere Tage zwei- bis dreimal im Jahr getroffen haben, um gemeinsam ohne ihre Männer Wäsche zu waschen, zu reiben, zu klatschen und auszuspülen. Und dabei wurde natürlich viel geredet, getratscht und geklatscht.

Ach, übrigens, es gibt sogar Profiklatscher. Die heißen beim Flamenco „Palmeros“ und geben den Takt zur Musik vor. Und einen Weltrekord gibt es auch. Den hält Opernsänger Luciano Pavarotti, obwohl er direkt gar nicht beteiligt war. Er sang bei einem Auftritt so gut, dass sein begeistertes Publikum ihm sagenhafte 67 Minuten applaudierte. Weltrekord! Klatschen ist ansteckend! Also Fenster auf oder raus auf den Balkon und die Handflächen ruckartig zusammenfügen, dann gibt’s auch bald wieder eine Klatschseite.