Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Keine Sixdays 2021 – reiß die Hütte ab!

Keine Sixdays 2021 – reiß die Hütte ab!

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Matthias Höllings. Foto: Frank Pusch

Als 1964 die Stadthalle extra für das Sechstage-Rennen gebaut wurde, konnte sich dort niemand große Konzerte vorstellen, und jetzt fällt sogar diese Traditionsveranstaltung aus. Abgesagt. Ersatzlos gestrichen. In den letzten Jahren hat Sänger Mickie Krause immer wieder seinen Hit „Reiß die Hütte ab“ ins Lattenoval geschmettert – jetzt würde es inhaltlich mal passen, die Halle steht leer. Doch auch Mickie hat frei. Aber nicht nur er. Was passiert (hier) eigentlich? Es gibt Künstler, die haben es finanziell geschafft. Wenn sie keine Lust haben, treten sie nicht auf, denn bei ihnen ist es nicht 5 vor 12, sie kommen auch ohne Uhr klar, aber die anderen? Was bedeutet eine Absage einer Veranstaltung wie den Sixdays in Bremen?

Eine Woche rund um die Uhr mit einem Spezialteam von Zimmerleuten die Bahn aufbauen – fällt aus. Sponsorensuche, Werbeaktionen, Hotelbuchungen, Pressearbeit vor, während und nach dem Event – Fehlanzeige. Lkw mit Licht-, Sound-, Video- und Pyrotechnik bleiben mit dem gesamten Team zu Hause. Ein riesiges Gastroteam ist arbeitslos. Die Köche, die sechs Tage lang niemand zu Gesicht bekommt, können ihre Schürzen im Schrank lassen. Das Hausmanagement, das für Strom, E-Technik, Klima- und Belüftungstechnik den Kopf hinhält, dreht Däumchen. Da nützt auch kein Home-Office. Deutsches Rotes Kreuz, Feuerwehr und Sicherheitsdienst müssen nicht über Einsatzplänen brüten. Soloselbstständige wie Hostessen, Aufbauhelfer, Tresen- und Garderobenkräfte oder Einlasspersonal können sich ihren geplanten Monatslohn in die Haare schmieren. Bands, Musiker und DJs – gestrichen. Spezialpersonal wie die Zeitnehmer bleiben in den Niederlanden, Rennkommissare, die europaweit anreisen, um das Regelwerk der Sixdays zu überwachen, bleiben da, wo sie sind.

Und die Radrennfahrer, die, die angeblich als einzige bei den Sixdays stören, was ist mit denen? Die trainieren sich seit Monaten einen Wolf, für nichts und wieder nichts. Erst wurde Olympia verschoben, dann durften sie nicht zur Europameisterschaft und jetzt fallen die Sechstage-Rennen aus. Nur die ihnen zugeteilten Pfleger und Mechaniker können endlich mal zu Hause pennen und müssen nicht im Fahrerlager kampieren. Es wird keine Blumensträuße für die Siegerehrungen geben, auch keine Taxifahrten mit Besuchern nach Blumenthal. Die Moderatoren schweigen und „Glöckchen“-Christian Erkel, der Mann an der Bahn-Glocke, hat auch frei. Im wahren Leben ist er Atomkraftwerksrückbauer. Bei ihm könnte Mickie Krause seinen Hit singen, der im Original eigentlich „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ heißt. Was uns im sixdayslosen Januar aber auch nicht weiterhilft.