Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Europa ist beschissen

Europa ist beschissen

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen. Weitere Geschichten von ihm unter www.das64er.de.

74
Matthias Höllings
Matthias Höllings.

Zur Entschuldigung dieser Überschrift muss ich sagen, das nicht das Europa gemeint ist, um das es bei der Europawahl Ende Mai geht. Obwohl, so ganz unpassend wäre die Überschrift da auch nicht, denn mit dem europäischen Gemeinsinn war es in den vergangenen Jahren nicht weit her, nicht zuletzt auch Dank der Brexit-Diskussion. Jetzt kommt sowohl für EU-Skeptiker als auch für EU-Befürworter der europäische Showdown in Form des Urnengangs. „Wenn alle wählen gehen, gewinnen alle“, lautet das aktuelle Motto.

Absolute Schwarzseher werden jetzt vielleicht in ihrer ewig gestrigen Oldie-Sammlung graben und eine alte Single auf den Plattenteller werfen – das können nur Leute von gestern, denn die Leute von heute wissen gar nicht, was ein Plattenteller ist und verstehen unter dem Begriff Single bestimmt auch etwas völlig Anderes. Aber die Alten könnten jetzt die Scheibe der Band Geier Sturzflug drehen lassen, die mit dem schönen Titel: „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“. Die Musiker sprachen damals schon in ihrem Text von der Angst davor, dass im Canale Grande die U-Boote vor Anker gehen, in Paris sich der Eiffelturm zum letzten Gruß westwärts neigt und in der Nähe des Big Ben sich zartes Alpenglühen zeigt. Jetzt, ein paar Jahrzehnte später, wissen wir, dass es so schlimm noch nicht gekommen ist.
Vor fast zwanzig Jahren titelte allerdings der Weser-
Kurier die Zeile: „Europa schließt zum Monatsende“. Es ging damals nicht um Geier Sturzflug oder eine anstehende Europawahl, sondern um einen Vorhang, nicht den eisernen, sondern um den letzten für Bremens ältestes Kino. Erst wurde der Projektor ausgestellt und dann machte der Letzte das Licht aus. Zumindest in Bremen war an diesem Tag (das) „Europa“ erledigt. Übernommen hat die Räumlichkeiten ein Mann, der vor einiger Zeit im Hörfunk auf Platz sechs der „Spiegel“-Bestsellerliste als Autor beworben wurde, weil er ein Buch geschrieben hat mit dem Titel „… dann bin ich auf den Baum geklettert“.

Als besagter Autor seinen Namen als Schriftzug an das einstige Filmtheater-Kino bastelte, hat er das im wahrsten Sinne des Wortes von Tauben beschissene „Europa“ , also die großen Neon-Leuchtbuchstaben, schon nicht mehr gesehen. Irgendein Liebhaber hatte da oben bereits das ehemals leuchtende „Europa“ vom Dach geholt. Den Beschiss der letzten Jahrzehnte von offenbar ungeeigneten Friedenstauben muss er dabei in Kauf genommen haben. Jedenfalls wurde das schöne „Europa“ durch einen Drogeriemarkt ersetzt. Ganz schön beschissen.