Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Boxkampf auf der Bühne

Boxkampf auf der Bühne

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen. Weitere Geschichten von ihm unter www.das64er.de

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Matthias Höllings
Matthias Höllings.

Durch Zufall fiel mir ein alter Negativstreifen in die Hände: abfotografierte Bilder von einem selbstgedrehten Video-8-Film. Zwanzig Jahre alt. Aufgenommen bei der Premiere des Films „Comedian Harmonists“. Die Hauptdarsteller Ben Becker, Heino Ferch, Ulrich Noethen, Heinrich Schafmeister und Max Tidorf waren zur Premiere in der Bremer Schauburg erschienen. Das Publikum war begeistert. Im Anschluss folgte die Aftershow-Party gleich direkt vor Ort. Zuschauer und Gäste konnten ungezwungen mit den Stars plaudern. Es herrschte eine ausgesprochen lockere Atmosphäre, die dazu beitrug, dass die Schauspieler partout nicht ins Hotel wollten. Feiern war angesagt und man war dem einen oder anderen Getränk nicht abgeneigt. Bereits weit nach Mitternacht entdeckte Ben Becker in der Menschenmenge seine Schwester Meret, die sich angeregt mit einem Typen unterhielt. Bruder Ben schritt sofort ein mit den Worten: „Alter, mach’ hier nicht meine Schwester an, sonst bekommst du welche aufs Maul!“. Der angesprochenen drehte sich um und konterte: „Wenn hier einer welche aufs Maul kriegt, dann ja wohl du. Mach dir nicht ins Hemd, wir unterhalten uns hier nur!“
Um die Geschichte abzukürzen: Das Gespräch nahm keine gute Wendung. Beide regten sich immer mehr auf. Becker schlug vor, man könne das jetzt hier gleich vor Ort auch mit Fäusten klären. Womit der Schauspieler nicht gerechnet hatte, war, dass der vermeintliche Schwesternanmacher Türsteher und Amateurboxer im Viertel war. Der schoss los und besorgte in nur wenigen Minuten zwei Paar Boxhandschuhe – und dem Ende der Unterhaltung stand nun nichts mehr im Wege. Das bekamen natürlich auch die anderen Gäste mit. Und so wurde von Schauspieler Kai Wiesinger, dem selbsternannten Sprecher des Abends, ein Boxkampf im Kinosaal vor der Leinwand angekündigt. Als Ringrichter setzte er seinen Kollegen Heino Ferch ein. Die ganze, mittlerweile mehr als nur leicht alkoholisierte Partymeute begab sich wieder auf die Plätze im Kinosaal, die Scheinwerfer wurden eingeschaltet, der Schwesternanmacher und Ben Becker machten ihre Oberkörper frei, zogen sich die Boxhandschuhe an und tänzelten vor der Leinwand umeinander herum. Unter dem Gejohle des Publikums folgte ein ebenso sehenswerter wie harter Schlagabtausch. Als die ersten Blessuren und Blutspuren in den Gesichtern auftauchten, brach Ferch den Kampf als unentschieden ab. Man gab sich die Hand, bekam jeweils ein Handtuch gereicht und ging dann gemeinsam mit Meret Becker ein weiteres Bier trinken. Warum ich an diesem Abend eine Kamera dabei hatte – ich kann es heute nicht mehr sagen. Ben Becker kann an diesem Abend übrigens nicht völlig betrunken gewesen sein, sonst hätte er am nächsten Tag bei einer Autogrammstunde in der Dessous-Abteilung von Harms am Wall nicht nach dem Film gefragt.