Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Blind Date – ohne Verabredung

Blind Date – ohne Verabredung

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und nimmt dabei auch sich selbst schon mal auf die Schippe.

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Matthias Höllings. Foto: Frank Pusch

Wie schnell man sich doch an ungewöhnliche Umstände gewöhnen kann oder muss. In der Öffentlichkeit Masken tragen, ständig längst saubere Hände waschen, immer und überall Abstand halten. Ich glaube, dass es Singles auf Partnersuche da im Moment besonders schwer haben. Bei Maske und mit Sonnenbrille ist das doch ein Blind Date im doppelten Sinne, oder? Man verabredet sich mit einer noch unbekannten Person und was einem als erster Eindruck bleibt, ist nur die Stimme.

Grundsätzlich gibt es leichte Unterschiede in der Wahrnehmung des anderen Geschlechts. Angeblich sind die ersten zehn Sekunden entscheidend bei der Partnerwahl. Während Männer zuerst auf die Figur der Frau und dann auf die Haare achten (die nehmen die Maske und eventuell die Sonnenbrille also gar nicht wahr?), schauen Frauen zuerst auf die Augen, den Mund und die Hände. Das klingt zu Zeiten von Corona ein wenig danach, als ob man die Katze oder den Kater im Sack kaufen würde. Vielleicht wäre es da hilfreich, beim ersten Date mit Fotos zu arbeiten: Mein Haus, mein Hund, mein Auto und das bin ich!

Dabei fällt mir ein Blind Date ohne Verabredung ein, das ich in Vor-Corona-Zeiten im Bistro-Abteil der Bahn von Bremen nach Hamburg erlebt habe. Damals hörte ich auch nur die Stimmen, hätte aber gucken können. Ich hatte mich gerade in diese superenge Sitzgruppe für vier bis fünf Personen im Bistro-Abteil gequetscht, als ein von hinten kommendes Pärchen fragte, ob bei mir die Plätze noch frei seien? Sie war etwas kleiner als ihr Begleiter, aber so genau habe ich auch nicht hingesehen, ich war in meine Unterlagen vertieft. Die Fahrt dauerte 55 Minuten, in denen ich immer mal wieder das Gefühl hatte, die Stimme dieser jungen Frau zu kennen. Doch ich habe einfach nicht zu ihr hinüber geschaut, sondern nur sporadisch auf ihr aufgeklapptes Laptop geblickt. Man will ja nicht unhöflich oder aufdringlich erscheinen, besonders dann nicht, wenn ihr Typ direkt daneben sitzt. Das Pärchen saß nicht einmal einen Meter von mir entfernt und unterhielt sich abwechselnd auf Deutsch und Englisch über Musik. Im Hamburger Hauptbahnhof angekommen, standen wir gemeinsam auf und kramten unsere Siebensachen zusammen. Dabei war ein Blick in das Gesicht meiner Gegenübernachbarin unvermeidbar. Jetzt konnte ich sie sehen und nicht nur hören und erkannte die junge Frau, mit der ich fast eine Stunde zusammengesessen hatte, sofort.

Rückblickend weiß ich, dass ich diese Frau Päge am 16.  Juli in Bremen wiedersehen werde. Dieses Mal nicht im Bistro-Abteil eines Zuges, sondern auf der Seebühne, die zumindest für mich dann zur „Sehbühne“ wird, da ich ihre Stimme ja schon kenne. Und weil Annett Päge ihre Großmutter Louise so liebte, hat sie ihren Nachnamen gewechselt und ist deshalb wohl den meisten Musikliebhabern als Annett Louisan bekannt.