Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Die letzten Abenteuer?

Die letzten Abenteuer?

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen. Weitere Geschichten von ihm gibt es unter www.das64er.de.

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Matthias Höllings. Foto: Frank Pusch

Alle eigenen handwerklich möglichen Restarbeiten in der Wohnung sind erledigt, der Garten ist tipptopp. Alle Bücher, die es wert waren, gelesen zu werden, wurden durchgeackert. Habe mindestens pro Tag zehn Minuten mit meiner Frau geredet – das ist der Wert, bei dem angenommen wird, dass die Ehe noch in Ordnung ist – und mit ihr sämtliche relevanten Themen abgearbeitet. Und nun? Jetzt ist mir langweilig. Beim ständig aus dem Fenster sehen will sich keine Entspannung einstellen. Einfach nur herumsitzen und wohnen, das kann ich nicht. Die Tage verlaufen gefühlt wie in Zeitlupe. Mein Adrenalin ist scheinbar in den Urlaub gefahren. Hätte ich auch gerne gemacht, geht aber gerade nicht. Keine fremden Länder, nicht mal Bundesländer werden einem gegönnt. Keine Abenteuer mehr. Nicht einmal zu Hause kann ich die erleben.

Ich könnte mich ins Auto setzen und extra nicht angeschnallt an die Küste fahren, in der Hoffnung nicht erwischt zu werden. Das wäre abenteuerlich. Früher bin ich mal ohne Helm freihändig auf dem Fahrrad, mit lautem Radio auf dem Gepäckträger und in die falsche Richtung in der Einbahnstraße auf dem Bürgersteig gefahren – bis die Polizei kam. Das war herrlich –Adrenalin pur. Jetzt komme ich nicht einmal bis zum Strand, weil es keine Parkplätze für Auswärtige gibt.

Damit fällt das nächste mögliche Abenteuer auch aus: Ohne Hautschutzcreme in die Sonne legen oder bei Ebbe schwimmen gehen, ohne es zu können, und dann sechs Stunden auf die Flut warten. Doch auch ohne Auto geht noch etwas an Abenteuern, oder? Bei Rot die Ampelkreuzung zu überqueren bringt allerdings genauso wenig wie neben der Ampel diagonal die Straße zu überqueren. So lang kann die Diagonale zurzeit gar nicht werden, bis einen endlich mal ein Auto streift. Nichts los. Alle Zu Hause. Wo bleibt da der Kick? Wo bleibt das Abenteuer für kleine Leute?
Ich wohne auf dem Dorf – eigentlich schon Abenteuer genug –

und könnte mit dem Zug ohne Fahrkarte in die Stadt fahren. Ist aber auch nicht spannend, da ja im Moment nicht mehr kontrolliert wird. Und was mache ich dann in der Stadt? Beim Bestellen im Restaurant ohne in die Karte zu schauen einfach die „22“ ordern? Irgendwo eine Rolltreppe suchen und sie entgegengesetzt ihrer Fahrtrichtung benutzen? Was war das früher für ein Abenteuer, wenn ich mit meinem Kumpel im Winter auf treibenden Eisschollen die Elbe überquert habe. Alles vorbei. Darauf warte ich nicht mehr. Der Winter scheint abgeschafft. Mir fehlen die kleinen Abenteuer des Alltags. Tanken fahren, ohne zu bezahlen, wäre noch eine Option. Oder ohne Maske in den Supermarkt gehen, sich an der Kasse vordrängeln, warten bis die Polizei gerufen wird – dann hätte ich es aber mal wieder allen richtig gezeigt.