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Die Witzemacher von der Weser

Wie Philipp Feldhusen und Peer Gahmert im Internet aktuelle Ereignisse auf die Schippe nehmen

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Fotos: J. Lehmkühler / Text: J. Binder

Philipp Feldhusen und Peer Gahmert sorgen für Lacher: Die beiden Bremer gehören als einzige Norddeutsche zum Autorenstamm von „Der Postillon“, dem preisgekrönten Internetportal mit satirischen Texten im Nachrichtenagenturstil. Aber sind sie auch privat witzig?
Dieser Überschrift sind im vorigen Jahr vermutlich viele Menschen im Internet begegnet: „Nach ersten Hochrechnungen: Trump erklärt sich zum Sieger der Bundestagswahl“. Das Satireportal „Der Postillon“ veröffentlichte die fiktive Nachricht nach der ersten Hochrechnung zur Bundestagswahl im September 2021; in den Sozialen Medien verbreitete sie sich rasend schnell. Die Idee dazu stammte aus Bremen: Von den Autoren und Satirikern Philipp Feldhusen (38) und Peer Gahmert (37).

Am Anfang stand ein
satirischer E-Mail-Verkehr

Beide kennen sich aus der Schule in Bremen-Nord. Dass sie denselben Humor haben, merkten sie aber erst nach dem Abitur: Sie schickten sich gegenseitig satirische E-Mails, während Philipp Feldhusen eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann machte und Peer Gahmert als Regieassistent oder Dramaturg von Theater zu Theater zog. „Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt“, sagt Philipp Feldhusen. Nur wenn der andere einen Text auch witzig fand, war der Verfasser zufrieden. Dass aus dieser Spielerei später einmal eine gemeinsame Autorenschaft für das erfolgreiche Internetformat „Der Postillon“ werden würde, war natürlich nicht absehbar. Schließlich gab es den „Postillon“ damals noch gar nicht.

Autobiografie mit Anfang 20

Aber berühmt werden, das konnten sich die beiden durchaus vorstellen. Für diesen Fall fingen sie schon mit Anfang 20 an, ihre Autobiografie zu schreiben. „Sie spielte in der Zukunft“, erzählt Philipp Feldhusen. Sie handelte von einem erfolgreichen Künstlerpaar, das sich zerstreitet und nur noch über Anwälte kommuniziert. „Wir haben darin auch das Aus von ‚Wetten, dass…?‘ vorhergesehen“, sagt Peer Gahmert. Das herbeigeschriebene Zerwürfnis allerdings blieb – zum Glück – aus, das Buch wurde nie beendet, geschweige denn gedruckt. „Aber wir haben damals in Bremen-Nord in einer Lesung Ausschnitte vorgelesen, da haben wohl einige Leute zum ersten Mal gemerkt, dass wir witzig sind.“ Denn unter Leuten seien sie mit Witzen eher zurückhaltend: „Wir sind keine Unterhalter, die sich in großen Gruppen ins Rampenlicht stellen.“
Im Jahr 2010 veröffentlichten die beiden ihre eigene Internetseite „Eine Zeitung“. Dafür schrieben sie satirische Artikel, ähnlich wie die im „Postillon“, der zwei Jahre zuvor von dem Werbefachmann Stefan Sichermann im bayerischen Fürth gegründet worden war. „Den ‚Postillon‘ hatten wir gar nicht auf dem Zettel“, erinnert sich Peer Gahmert. „Unsere Leser und Leserinnen haben uns darauf erst aufmerksam gemacht.“ Irgendwann erfuhr auch Stefan Sichermann von dem Konkurrenzprodukt aus Bremen und warb die beiden als feste freie Autoren an. Seitdem steuern sie als Einzige aus dem norddeutschen Raum regelmäßig Ideen bei, nehmen an den virtuellen Redaktionssitzungen teil oder basteln an knackigen Überschriften.

Idee kommen nebenbei
an der Kasse oder in der Bahn

Währenddessen arbeiten die beiden hauptberuflich weiter in ihren Jobs: Philipp Feldhusen bei einem Bremer Unternehmen, Peer Gahmert als freiberuflicher Autor und Dramaturg fürs Theater. Zeit für ihre satirischen Werke bleibt trotzdem: „Die Ideen kommen meist sowieso eher nebenbei an der Kasse im Supermarkt, in der Straßenbahn oder abends beim Einschlafen“, sagt Peer Gahmert. „Die Hauptarbeit ist eigentlich, die ganzen Nachrichten aus aller Welt zu verfolgen und zu lesen, der Rest kommt dann nebenbei.“
Die beiden schreiben aber nicht nur Artikel für den „Postillon“, sondern machen auch Videos im Stil von Fernsehbeiträgen. Große Reichweite erfuhr im Sommer 2020 zum Beispiel der Film „Heldenhafter Passant schlägt Autoscheibe ein, um Bierkasten vor Hitzetod zu retten“, in dem Philipp Feldhusen den „Helden“ darstellt. „Wichtig ist, den Witz in die Schlagzeile zu packen“, betont dieser, dann kämmen die Klicks.

„Eine Zeitung“ für Witze, die nicht
im „Postillon“ veröffentlicht werden

Ob eine Idee tatsächlich witzig ist, daran scheiden sich mitunter die Geister. „Bei einer denkt man, die ist unglaublich lustig, und dann ist man der Einzige, der das denkt. Andere Ideen gehen durch die Decke, bei denen man lange gerungen hat, ob das überhaupt was ist“, sagt Philipp Feldhusen. Vor diesem Hintergrund haben sie auch ihre eigene Internetseite „Eine Zeitung“ noch nicht gelöscht: Dort veröffentlichen sie ihre Witzartikel, die beim „Posti“, wie die beiden den 2013 mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten „Postillon“ nennen, durchgefallen sind. „Die Reichweite ist längst nicht so groß wie die vom ‚Postillon‘, aber den einen oder anderen Leser oder Leserin machen wir mit unseren Artikeln glücklich“, sagt Peer Gahmert.

Stecken die Bremer Stadtmusikanten voller Vorurteile?

Nicht wenige Leserinnen und Leser hat auch ihr Buch „Tatort Märchen – Wie die Bremer Stadtmusikanten seit mehr als 200 Jahren den Rechtsstaat verhöhnen“, erschienen im eigens dafür gegründeten „Seriösen Verlag“. „Wir haben schon die dritte Auflage herausgebracht“, sagt Peer Gahmert, der nach mehreren auswärtigen Stationen mit Freundin und Katze wieder in Bremen lebt. Auf unterhaltsame Weise wird mithilfe von Interviewpartnern und -partnerinnen wie einem Anwalt, Polizisten oder einer Psychotherapeutin der Frage nachgegangen, warum die Stadtmusikanten ihnen völlig unbekannte Männer ohne jeglichen Beweis und nur aufgrund ihres Äußeren als Räuber diffamieren. „Ganz objektiv betrachtet ist es ein lustiges Buch“, unterstreicht Peer Gahmert trocken.

Loriot, Böhmermann und Co.:
Über wen sie selbst lachen

Und über wen können sie sonst noch lachen, außer über sich selbst? „Loriot“, fällt Philipp Feldhusen als erstes ein, aber auch Bastian Pastewka – und natürlich über ihren Chef Stefan Sichermann. Dass der Satiriker Jan Böhmermann ebenfalls aus Bremen-Nord kommt, genauso wie Gahmert und Feldhusen, betrachten die beiden eher als Zufall. Persönlich kennen sie sich nicht: „Jan Böhmermann war zwei Jahrgänge über uns.“ Das seien damals Welten gewesen.
Anders als Böhmermann, der inzwischen in Köln lebt, ist Feldhusen Bremen stets treu geblieben. Inzwischen wohnt er sogar wieder mit seiner fünfköpfigen Patchwork-Familie in Bremen-Nord. „Ich bin heimatverbunden“, sagt er. „Werder ist mein Verein, ich mag den Stadtpark in Vegesack und Spaziergänge an der Weser.“ Peer Gahmert muss auf die Frage, warum er wieder zurück nach Bremen gekommen ist, noch ein bisschen nachdenken. Antwort folgt – vielleicht.