Start Bremen Baby-Boomer Böhling Die Säulen meiner Kindheit

Die Säulen meiner Kindheit

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation und auf Bremen.

948
Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Kein anderer Monat ist so sehr mit familiären Ritualen, lieb gewonnenen Gepflogenheiten oder eingespielten Abläufen behaftet wie der Dezember. Es geht mit den Advents-Sonntagen los, an denen gerne Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins oder auch Nachbarn vorbeikommen, um Selbstgebackenes zu probieren oder Selbstgebasteltes zu bewundern.

In meiner Kindheit waren es Apfelmännchen. Weil aber das Bastel-Talent in meiner Familie komplett zu kurz gekommen ist, bestanden die Böhlingschen Apfelmännchen aus einem Apfel (wie originell), zwei Streichhölzern, einer Walnuss als Kopf, einem weißen Wattebart und einem Hütchen aus zusammengedrehtem Buntpapier – fertig. Ich habe tatsächlich basteltechnisch in meinem Leben nie mehr zustande gebracht als diese Apfelmännchen. Und ich war – trotz Uhu-klebender Finger – stolz darauf! Meine Apfelmännchen hießen immer wie die jeweiligen Bundeskanzler – also erst Willy und dann Helmut. Beim zweiten Helmut habe ich nicht mehr gebastelt und so dicke Äpfel hatten wir auch nicht – oder hätte ich eine Birne nehmen sollen?
Das zweite Ritual spielte sich am 6. Dezember ab. Was mir in Sachen Nikolaus-Stiefel am deutlichsten in Erinnerung ist, hat mit der Aufteilung der Gaben zu tun. Unser Nikolaus beziehungsweise unsere Nikoläusin achtete zwar immer penibel darauf, dass mein kleiner Bruder und ich stets dieselben Gaben im kleinen roten Plastikstiefelchen vorfanden. Seltsamerweise hatte mein Bruder aber immer die komplette Riege an Nougat-Teilchen in seinem Schuhwerk, während ich den Vollmilch-Anteil abgriff. Hatte ich erwähnt, dass ich kein Nougat mag?
Dann natürlich der Heiligabend! An jedem – aber wirklich jedem – 24. Dezember, den ich in kindlicher Erinnerung habe, sprach meine Mutter immer denselben Satz: „So einen schönen Baum hatten wir noch nie!“ Für mich sahen die Nordmanntannen zwar immer irgendwie gleich aus und mir war ja auch viel wichtiger, was darunter lag, aber meine Mutter bestand darauf.
Das schönste Ritual der Dezember meiner Kindheit führt mich aber wieder in meine Lieblingshansestadt! Silvester gab es ganz klare Regeln! Der Abend begann mit Butler James und Miss Sophie (das tut er bis heute!) – dann gab es Fondue und dabei wurde nach Bremen geschaut. Genau genommen nach Sebaldsbrück ins Studio III von Radio Bremen! Silvester ohne Rudi Carrell und das „Laufende Band“ war für mich zwischen meinem neunten und vierzehnten Lebensjahr nicht denkbar. Nicht umsonst fiel bei der Untersuchung der Objekte beim Bleigießen gerne mal der Ausruf: „Das ist entweder Heinz Eckner auf dem Stuhl oder das Fragezeichen!“
Heute gehören die Rituale meiner Kindheit zu den kleinen Säulen meines Lebens und wenn ich daran zurückdenke, schleicht sich ein sentimentales Lächeln auf mein Gesicht. In diesem Sinne: Einen schönen Dezember!

Teilen
Vorheriger ArtikelLiederliches Weihnachten
Nächster ArtikelDen Broadway als Ziel