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Die Liebe im Schuhkarton

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Haben Sie auch so einen alten Schuhkarton voller Fotos? Schon als ich ein kleiner Junge war, bewahrte ich in diesen Kartons mein wertvollstes Hab und Gut auf. Sehr ans Herz gewachsene Hartgummifiguren und Spielzeugautos, ansehnliche Fundsachen aus Wald und Flur sowie besonders schönes Schreibwerkzeug – gerne auch aus einer fremden Federtasche … Später wechselte der Inhalt der Pappkiste: Nun wurden erinnerungswürdige Briefe und Postkarten, Eintrittskarten und Konzerttickets oder besonders originelle Aufkleber und ausgeschnittene Artikel aus Zeitschriften aufbewahrt. Und schließlich: Fotos.

Gerade neulich habe ich im Keller einen großen Schuhkarton gefunden, der noch aus den Tagen stammt, in denen ich mir einmal im Monat das neue Lurchi-Heft im Schuhgeschäft abholte. Im Pappbehälter gab es Fotos aus der Zeit, in der ich meine erste Fotokamera – so ein Ritsch-Ratsch-Klick-Gerät – bekommen hatte und wirklich alles im Bild festhielt, was mir vor die Linse kam. Das Fatale daran war, dass man die 24- oder 36-Bild-Filme erst in die Drogerie zum Entwickeln brachte, um die Ergebnisse ein paar Tage später mit dem kleinen Papiertütenabschnitt wieder abzuholen und dann ganz gespannt zu gucken, wie die Fotos denn geworden waren. Man muss wissen, dass diese kleinen Fotoapparate so konzipiert waren, dass man rechts durchguckte und links fotografierte. Und genauso sahen die Fotos dann auch aus. Halbierte Eltern, die Hinterreifen unseres Opel Rekord, das obere Ende meiner Stofftiersammlung vor einer nicht enden wollenden Fototapete und immer wieder ganz viel Gegend. Ich habe trotzdem alle Fotos gekauft und mitgenommen und mit diesen praktischen Fotoecken, die immer an den Klamotten hängen bleiben, ins Album eingeklebt.

Einige davon haben es in den Karton geschafft, und dort liegen sie nun neben noch wichtigeren Zeitdokumenten. Urlaubsfotos von meinen ersten Reisen ohne Familie, aber dafür mit Mofa und Kumpels fielen mir in die Hände. Ich habe sofort wieder die große Freiheit des Erwachsenwerdens gespürt. Bilder von Klassenfahrten waren dabei, bei deren Anblick ich heute dankbar bin, dass es noch keine sozialen Medien und mobile Endgeräte gab. Und ich fand auch Fotos, die mein Herz so richtig höherschlagen ließen. Da waren sie wieder. Inga, Marlies und Kirsten, die ich als kleiner Pöks so toll fand, grinsen frech zwischen Teppichstangen und Sandkiste in meine Kamera. Das Foto von Andrea, meiner ersten ganz großen und unglücklichen Teenagerliebe, versetzt mir heute noch einen Stich. Aber auch Erinnerungen an weniger unglückliche Herzensangelegenheiten meiner Jugend waren dort zu finden. Schnappschüsse mit den Gesichtern von Kathi, Birgit, Heike, Steffi, Kathrin … es steckt so viel Sehnsucht in diesem alten Schuhkarton, so viel Schwärmerei und Zärtlichkeit. Zugegeben, es fanden sich auch Fotos von jungen Damen, deren Namen mir leider in den Jahren entfallen sind …

Fazit: Da sucht man im Keller die Kiste mit den Steuerunterlagen und findet einen Schuhkarton voller Liebe – das Leben kann so schön sein!