Start Bremen Höllings Blick hinter die Kulissen Der Glaube an gestern

Der Glaube an gestern

Matthias Höllings, ehemaliger Pressesprecher der ÖVB-Arena, wirft in seiner Kolumne einen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit und wagt dabei auch einen Blick hinter die Kulissen.

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Foto: Frank Pusch

Als Paul McCartney eines Morgens aufwachte, hatte er plötzlich eine Melodie im Kopf, von der er glaubte, sie schon irgendwo einmal gehört zu haben. Beim Frühstück nannte er das Lied noch „scrambled eggs“, also Rühreier, und erste Textversuche mündeten in „oh my baby, how I love your legs“. Später wurde daraus der Welthit „Yesterday“, einer der meistgecoverten Songs der Popmusik. Das war in den 60er Jahren, in einer Zeit, als zumindest Pauls Alltagssorgen weit weg zu sein schienen, und er nun sang: „all my troubles seemed so far away.“ Das galt damals allerdings nicht für jeden.

In den 60er-Jahren gab es Konflikte satt, die nicht „so far away“ waren, wie es viele gerne gehabt hätten. Krieg in Vietnam und Vorderasien, Unruhen in Frankreich, in Algerien, Kenia sowie Zypern und in Nigeria kämpfte man um die Unabhängigkeit – in Biafra starb eine Million Menschen an Unterernährung. Das war auch Yesterday, kommt in Pauls Rühreiertext jedoch nicht vor, sondern war eher etwas für den Protestsänger Bob Dylan. Auch über den Prager Frühling hörte man musikalisch nichts, während sowjetische Panzer durch die Stadt rollten. OK, das konnten die Beatles nicht ahnen, weil es erst drei Jahre später geschah. Die fantastischen Vier aus Liverpool konnten sich halt nicht um alles kümmern. Als musikalische „Besatzer“ eroberten sie den Hamburger Star-Club und kehrten, so glaubten viele britische Fans, als deutsche Band auf die Insel zurück.

In den vier Jahren danach jagten ihre Fans sie um den Globus. Die Beatles arbeiteten rund um die Uhr und wurden somit zu den Erfindern der Acht-Tage-Woche „Eight days a week“. Als Belohnung für so viel Ruhm und Ehre konnten sie sich weltweit nicht mehr frei bewegen. Bei einem riesigen Open-air-Konzert konnte man sie vor lauter Beatlemania-Geschrei nicht mehr hören. Und als sie bei einem Song das Musizieren sogar komplett einstellten, und nur so taten, als ob sie spielten, platzte John Lennon der Kragen. Ab sofort trat die Band nicht mehr auf. Das alles war Yesterday. Sie wollten einfach nicht mehr.

Diese Arbeitsverweigerung muss an vielen Coverbands der Beatles jedoch vorbei gegangen sein. Diese wollen die guten alten Zeiten mit Beatlesklassikern hochleben lassen. Für alle Fans, die einfach zu spät geboren wurden, sind diese Art Aufgüsse Highlights, die man nicht verpassen möchte. Die heutigen Fans feiern ihre „swingin’ sixties“ mit viel Rühreier, beziehungsweise Friede, Freude, Eierkuchen, statt mit Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Dass diese Ära aber auch eine Zeit des Für und Wider war, blendete Paul McCartney auf jeden Fall in seinem Song aus und singt seit Jahrzehnten immer noch:

„I believe in yesterday.“ Vielleicht hätte er weiterträumen  sollen, ist zu früh aufgewacht oder hat nicht bemerkt, dass Yesterday doch noch nicht vorbei ist.

Yesterday – the Beatles Musical, 20. März, 20 Uhr, Metropol Theater Bremen