Start Bremen Baby-Boomer Böhling Der Bembel

Der Bembel

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen. Mit „Tri Top, Disco, Bandsalat“ ist jetzt der zweite Band mit seinen Babyboomer-Geschichten erschienen. Das Buch ist für 9,80 Euro in den WESER-KURIER-Kundenzentren sowie im regionalen Buchhandel erhältlich.

108
Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wahrscheinlich wäre mir dieses Wort nie begegnet, wenn ich nicht viele Samstage bei meinen geliebten Großeltern verbracht hätte. Da saß man dann im Winterhalbjahr gemütlich mit Oma auf dem Sofa, guckte Fernsehen und was kam? Der „Blaue Bock“ mit Heinz Schenk.

Der babbelte im schönsten hessischen Dialekt, meistens gereimt, und alle, die ihn in seiner Kneipe besuchten, mussten mit ihm singen oder wenigstens einen Sketch mit ihm spielen. Was da gesungen und gespielt wurde, hatte Heinz Schenk alles selbst geschrieben, er war nämlich Moderator und Autor des samstagnachmittäglichen Kneipenbesuchs. Tja und nach überstandenem Sketch oder Lied bekamen die Gäste dann eben zur Belohnung einen Bembel. Das war so eine verzierte Kanne aus Ton, auf der „Zum Blauen Bock“ geschrieben stand – und ich wollte als Kind unbedingt auch so einen haben.

Das Tolle an dieser Show war aber auch, dass man ganz viele Prominente mal ganz anders kennenlernen konnte. Da sangen plötzlich Fernsehkommissare zusammen, die man sonst nie gleichzeitig auf dem Bildschirm sah, Showmaster waren ganz locker, weil sie nicht Gastgeber sein mussten, und man bekam sogar die Synchronsprecher von Kojak, Rockford und Columbo zu Gesicht. Ohne Heinz Schenk und seine Äppelwoi-Besäufnisse wüsste ich als norddeutsches Kind wahrscheinlich bis heute zudem nicht, wer Ernst Neger und Jupp Schmitz waren, und warum am Aschermittwoch alles vorbei ist. Ich wüsste auch nicht, dass es Zeiten gab, in denen bei der Ankündigung „Schöneberger“ statt einer moderierenden Allzweckwaffe noch Sängerknaben aufgetreten sind. Und ich hätte wohl auch nie Bekanntschaft mit dem Medium Terzett gemacht. Das waren drei Herren, die sich irgendwie ähnlich sahen und die in der Schankwirtschaft zu wohnen schienen – waren sie doch gefühlt in jeder Show dabei. Heinz Schenk war dann ja sogar mal bei Dieter Thomas Heck in der „Hitparade“ im – ich zitiere – „Zett-De-Eff“ mit einem sehr philosophischen Titel namens „Es ist alles nur geliehen, hier auf dieser schönen Welt!“… ach ja, der Heinz. Von dem konnte man übrigens in Sachen Pointen setzen einiges lernen. Zum Beispiel hat er nach der eigentlichen Pointe immer noch so lange weitergebrabbelt bis das Publikum lachte. Und er konnte sich auch selbst herrlich auf die Schippe nehmen: Das hat er später als „Heinz Wäscher“ in Hape Kerkelings Film „Kein Pardon“ bis zur Blüte getrieben. Aber zurück zu den Bembeln, die waren für Heinz Schenk mehr als nur ein als Abschiedsgeschenk. Frau Wirtin kam mit den gravierten Tontöpfen nämlich immer genau zwanzig Sekunden, bevor das Gespräch mit dem Gast zu Ende sein musste. So blieb Heinz, der alte Show-Fuchs, in seiner Sendezeit, ohne auf die Uhr zu gucken – was für ein Cleverle.

Der „Blaue Bock“ wäre in diesem Monat 65 Jahre alt geworden und in meiner Erinnerung riecht er immer ein bisschen nach Kaffee und Kuchen. Das mag an der Sendezeit liegen, denn als die Sendung 1982 ins Abendprogramm wechselte, war ich schon in anderen Lokalen unterwegs …