Start Bremen Bremer Köpfe „Schon am Donnerstag eine Pfütze auf der Zunge“

„Schon am Donnerstag eine Pfütze auf der Zunge“

Werder-Fan Reinhold Beckmann im Interview / Auftritt im Mai im Fritz Bremen

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Foto: Reinhold Beckmann & Band/Steven Haberland

Seinen Moderatorenjob hat Reinhold Beckmann im vergangenen Jahr an den Nagel gehängt. Seitdem widmet er sich leidenschaftlich der Musik und hat gerade mit „Freispiel“ sein zweites Album veröffentlicht. Im Interview spricht der 62-jährige Twistringer über seine Musik, seine Heimatverbundenheit sowie seinen Bezug zu Werder.

Wie ist das Leben nach dem Job als Sportschaumoderator?
Wunderbar. Es war ja schließlich meine eigene Entscheidung, nach mehr als 30 Jahren Schluss zu machen. Ich finde es wichtig, aus so einer Sache selbstbestimmt herauszugehen – schließlich bin ich mittlerweile 62 Jahre alt. Da darf man schon mal Tschüß sagen. Fußball muss von jungen Leuten präsentiert werden.

Wie schwer war es für Sie eigentlich, als Sportschaumoderator neutral zu bleiben?
Sie meinen wegen meiner Nähe zu Bremen und Werder?

Genau.
Das konnte ruhig jeder wissen, es war ja weder bei mir noch bei Wonti (Jörg Wontorra, Anm. d. Red.) ein Geheimnis. Jeder Sportjournalist hat natürlich privat auch einen Herzensverein, genau wie Millionen andere Fußball-Fans. Aber in der professionellen Beurteilung des Fußballs spielt das überhaupt keine Rolle. Wenn es was zu kritisieren gibt, kommt Werder bei mir im Sport-1-„Doppelpass“ nicht etwa besser weg.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie zum Werder-Fan geworden sind?
Es war der 8. Mai 1965. Ich war neun Jahre alt und zum allerersten Mal im Weserstadion. Werder besiegte Dortmund durch Tore von Klaus Matischak, Theo Klöckner und Gerhard Zebrowski mit 3:0 und wurde erstmals Deutscher Meister. Ein großartiges Erlebnis, das einen natürlich nicht mehr loslässt.

Auch wenn Sie nicht mehr die Sportschau moderieren, sind Sie dem Fußball dennoch als Experte erhalten geblieben.
Es ist ein Vergnügen, als Sport-1-Experte im „Doppelpass“ über Fußball zu diskutieren und zu streiten. Das ist in der Rolle des „Sportschau“-Moderators nicht möglich. Diese Freiheit genieße ich sehr. Jetzt ist Freispielzeit. Und dazu gehört auch die Musik.

Seit wann spielt die Musik bei Ihnen eine wichtige Rolle?
Eigentlich seit der Jugend. Im Alter von 15 oder 16 Jahren hatten wir unsere erste Band. Diesel 3 hatte eine gewisse dilettantische Qualität. Wenn man wohlwollend sein will, könnte man sagen, wir waren Twistringens erste Punkband, als noch keiner von Punk redete. Zumindest beherrschten auch wir höchstens drei Akkorde. (lacht) Aber wir haben uns sehr bemüht, hatten wahnsinnig lange Haare und sahen super cool aus. Dachten wir jedenfalls. Später habe ich sogar überlegt, Musik zu studieren – ich traute mir das dann aber doch nicht zu. Dennoch, die Liebe zur Musik ist immer geblieben.

Dennoch kam zunächst alles anders …
Wie es im Leben halt so geschieht. Ich habe bei einer kleinen innovativen Kölner Produktionsfirma angefangen, gelernt, wie man Filme macht, und bin dann beim WDR zum Journalismus gekommen. Weil für das Musikmachen wenig Zeit blieb ist es heute für mich umso wichtiger. Ich spiele fast jeden Tag. Und wir lieben es als Band live aufzutreten. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass wir am Freitag, Sonnabend und Sonntag unterwegs sind, habe ich schon am Donnerstag eine Pfütze auf der Zunge, weil ich mich so darauf freue.

Es heißt, Sie hätten auch eine Karriere als Fußballer starten können. Immerhin hatten Sie es als Jugendlicher bis in die Niedersachsen-Auswahl geschafft.
Das klingt vielleicht vielversprechend, aber realistisch gesehen war es eher so: Die Einladung zur Niedersachsenauswahl habe ich nur bekommen, weil die anderen Torhüter krank oder im Urlaub waren. Und spätestens im Herrenbereich fehlten mir mit gerade mal 1,80 Meter als Torwart dann doch die nötigen Zentimeter.

Auf Ihrem ersten Album „Bei allem sowieso vielleicht“ gibt es den Song „Bremen“, der wie eine Liebeserklärung an die Stadt klingt. Wie ist es zu dem Lied gekommen?
Für uns Landjugendlichen war Bremen in den 1970er Jahren DER Sehnsuchtsort. Wir konnten am Wochenende in die große Stadt – auf ein Konzert, ins Viertel oder die Lila Eule. Wenn wir damals mit 18 unseren Führerschein hatten, hat man natürlich gleich die Freundin eingepackt und ist nach Bremen gefahren. Der Song ist aber eigentlich aus einer anderen Textzeile entstanden.

Aus welcher?
Aus „du hast meinen Käfer voll gekotzt“. Weil es damals eben so war. Und dann entstand die Geschichte drum herum.

Schreiben Sie die Texte und die Musik selbst?
Beides in der Regel mit einem guten Kumpel zusammen. Ich fange immer erst an und denke dann manchmal: „Das ist grandios!“. Das ist es natürlich meistens eher nicht beim ersten Entwurf.Also wird gemeinsam an den Songideen weitergearbeitet und gefeilt, bis wir beide mit dem Ergebnis glücklich sind.

Wie entstehen bei Ihnen die Ideen für die Songs?
Ich halte alle Bilder aus dem Alltag und alle kleinen Formulierungen, die mir auffallen, sofort in einer Kladde fest. Später sitze ich dann zuhause und gehe spielerisch mit diesen Beobachtungen um. Es gibt Momente, da geht gar nichts und andere, da macht es Klick und das Schreiben fällt leicht. Kreativität ist halt unberechenbar. Ich habe gelernt, dass man Vertrauen in die Momente, wo einen das Lyrische packt, haben muss. Songtexte zu schreiben ist etwas grundsätzlich anderes, als journalistische Texte zu schreiben.

Was ist zuerst da, der Text oder die Melodie?
Immer zuerst der Text. Ich mag es Geschichten zu erzählen. Erst dann suche ich nach einem Melodiebogen.

Auf Ihrem aktuellen Album ist jetzt ein Song über Ihre Geburtsstadt Twistringen. Sind sie ein bodenständiger und heimatverbundener Mensch?
Ich bin gerne und häufig in Twistringen, zumal meine 96-Jährige Mutter, mein Bruder und viele Freunde dort leben. Je älter ich werde, desto größer werden mein Bedürfnis und meine Sehnsucht, meine Herkunft noch einmal zu entdecken und zu erfahren. Deshalb war es mir auch wichtig diesen Song zu schreiben. Er erzählt in Bildern die Lebenssituation Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre – mit all den Zwängen und Spießigkeiten auf der einen sowie all den Träumen und Sehnsüchten auf der anderen Seite. (MÄR)

Reinhold Beckmann & Band am Sonntag, 27. Mai, Fritz Bremen, 19.30 Uhr