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Jens Müller und der Sackverein

Zeitreise im Schindelwagen: Feierabend mit Bremens Schaustellern

2012
Einige Mitglieder des Sackverein Bremen vor ihrem Schindelwagen.
Fünf Mitglieder des Sackvereins vor ihrem „Clubhaus“, dem alten Wohnwagen der Familie Müller (v.l.n.r.): Oliver von Salzen, Rudolf Robrahn, Wagenbesitzer Danny Müller, Dirk Koenig und Jens Müller. Während des Freimarkts ist der Wagen ein beliebter Treffpunk unter den Schaustellern. Foto: Kristina Wiede

Zaghaft blitzen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zwischen üppigen Wolkenbänken hervor, ein kühler Wind weht an diesem Nachmittag im April über die Bürgerweide. Es geht vorbei an den blinkenden Fahrgeschäften der Osterwiese, Schießbuden locken mit Plüsch, Kinder verputzen Sahneeis. Nur noch wenige Tage des vergnüglichen Trubels verbleiben, dann ziehen die Schausteller in eine andere Stadt, auf einen anderen Platz. Erst im Oktober werden viele von ihnen auf dem Bremer Freimarkt erneut auf der Bürgerweide ihren Geschäften nachgehen.

Zwischen zwei Ständen gewährt ein schmaler Spalt Einlass in die Welt hinter den Kulissen. Neben den etlichen Wohnwagen, die sich im Hinterland des bunten Spektakels aneinander reihen und den Familien Wohnraum bieten, fällt der braune Schindelwagen ins Auge. Das Runddach, die tanngrünen Volant Markisen und glänzend lackierte Holzpaneelen wirken der Zeit entrückt. Der historische Wagen ist Vereinsstätte des Sackvereins und hat sich als Treffpunkt für die Schausteller entwickelt.

Der Schindelwagen der Familie Müller.
Nachdem der Wagen 30 Jahre in einer Halle stand, dient er seit 2014 dem Sackverein Bremen und den Schaustellern als Barwagen und Ort des geselligen Beisammenseins.

Zeitgeschichte auf Rädern

Nach einem kurzen Klopfen öffnet Jens Müller die Tür und bittet gut gelaunt, im Inneren Platz zu nehmen. Seit nunmehr 60 Jahren ist der Klassiker unter den Wohnwagen im Familienbesitz, dessen Bauweise im Bahnprofil bis Mitte der 60er Jahre gepflegt wurde. „Wenn die Schausteller damals weite Strecken zurücklegen mussten, wurden die Wohnwagen mit der Bundesbahn transportiert, und die Tunnel waren zu jener Zeit noch rund“, erklärt der 52-Jährige gleich zu Beginn unseres Treffens die zu den Seiten abgerundete Form des Dachs.

Über der Sitzecke prangt die Werderraute auf einer Eichenholzverkleidung, grün-weiße Gardinen rahmen ein gelblich getöntes Fenster. Herzstück im Innenraum ist die Zapfanlage, aus der sogleich Haake-Beck-Bier in kleine Tulpengläser strömt. „Nach Feierabend kommen wir Schausteller hier zusammen, um den Tag ausklingen zu lassen“, sagt Müller. Die Tür geht mehrfach auf, nach und nach gesellen sich Dirk Koenig, Rudi Robrahn, Oliver von Salzen und Jens Müllers Sohn Danny dazu. Sie alle sind Mitglieder des Sackvereins, einer Männerrunde, die gemeinsame Ausflüge und Urlaube unternimmt und deren 15 Mitglieder sich größtenteils schon seit Kindertagen kennen.

Mehr als drei Jahrzehnte Sackverein

Entstanden sei die Idee zum Verein aus einer Not heraus, sagt Jens Müller. Solange Familie Heitkamp die Kantine auf der Osterwiese und dem Freimarkt betrieb – das war bis Mitte der 80er Jahre – seien deren Räumlichkeiten ein beliebter Treffpunkt gewesen. Dieser habe danach gefehlt. 1984 taten sich die Freunde kurzerhand zusammen, um die Lücke zu füllen. Vor allem während der Auf- und Abbauphase kommen nun die Schausteller auf ein Feierabendbier vorbei, man spricht über die Arbeit und Stellplätze, über das Personal, das Wetter und über Werder.

Die Schindeln des Wagens sind aus hochwertigem Kiefernholz gefertigt.
Rund 3.700 Schrauben zählt der Wagen, dessen Schindeln aus edlem Kiefernholz gefertigt sind.

Reine Männersache

Dass Verein und Wagen ausschließlich den männlichen Schaustellern eine Auszeit vom alltäglichen Trubel bieten, habe laut Jens Müller mit der noch immer nach Geschlechtern getrennten Arbeitsteilung zu tun. „Bei uns kümmern sich die Frauen um die Finanzen. Wenn wir Männer unsere Schicht am Fahrgeschäft oder an der Bude beenden, zählen sie die Tageseinnahmen“, erklärt er.

Auch Rudolf Robrahn, Vorsitzender des Bremer Schaustellerverbandes, zählt zu den Vereinsmitgliedern. Er betont den sozialen Aspekt der Zusammenkünfte: „Hier können wir auch mal diskutieren. Für das Klima auf dem Platz ist das wichtig – nicht nur für die Bremer sondern auch für die Schausteller von weiter weg.“ Besonders heiß her gegangen sei es im Vorfeld der Ansiedlung der Märkte im Bremer Wirtschaftsressort. „Viele fürchten eine drastische Erhöhung der Gebühren, die das Auskommen der Schausteller gefährdet“, so Robrahn. Umso größer sei das Bedürfnis, unter Kollegen einmal Dampf abzulassen.
Doch der Wagen dient nicht nur als Ort für hitzige Diskussionen. Jedes Jahr lädt der Stammtisch zu einer Ehrenrunde über den Freimarkt ein. Der Zwischenstopp im Wagen ist ein besonderes Highlight, so Robrahn. Prominente Werder-Größen wie Marco Bode, Max Lorenz und Dieter Eils hätten auch schon auf der Eckbank gesessen.

Ein Stück Familientradition

Seinen ersten Einsatz hatte der Schindelwagen allerdings bereits vor 60 Jahren. 1957 in Barver im Landkreis Diepholz mit neun Meter Länge und zweieinhalb Meter Breite gebaut, bot er einige Jahre der vierköpfigen Familie Müller ein Zuhause. Es war der erste Wagen, den der Schausteller Hans Müller anschaffte. Der Senior hatte das Familiengeschäft, eine Schießbude, einst von seinem Großvater übernommen und dem Freimarkt Jahrzehnte lang die Treue gehalten.

Danny Müller, dem offiziellen Eigentümer des Schindelwagens, führt auf den Bremer Märkten und im Umland eine Familiengeschichte der Gaukler und Schausteller weiter, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen soll. Direkt neben der Wildwasserbahn betreibt er den Stand Schokofrüchte Deluxe. „Der alte Wagen ist für uns Müllers auch ein Stück Familientradition“, sagt der Junior.

Vater Jens ergänzt: „Damals war er ein moderner Wohnwagen“. Mit seiner Schwester teilte er sich den Schlafbereich im hinteren Teil des Wagens. „Damals konnte ich vom Etagenbett aus auf den Fernseher schauen und den Gesprächen der Erwachsenen lauschen, so eng lebten wir hier zusammen“, erinnert sich Müller. Die Familie Müller ist auf dem Bremer Freimarkt überaus stark vertreten: „Mein Vater hatte neun Geschwister, ich habe insgesamt 31 Cousins und Cousinen. Mit schätzungsweise 20 Prozent der Schausteller auf dem Freimarkt bin ich verwandt“, so Müller. Zu den Familiengeschäften zählen das Schützenhaus Edelweiß, ein vegetarischer Imbiss, der Bremer Eispalast und der Hot-Dog-Stand Ohio-Snacks, die das Ehepaar und die drei Kinder betreiben.

Bauliches Schmuckstück

Aus heutiger Sicht ist der 60 Jahre alte Wagen ein echtes Schmuckstück: Hochwertiges Pitchpine Kiefernholz wurde damals verwendet für Wagen dieser Art, die auch oft als Zirkuswagen bezeichnet werden. Liebe zum Detail war zum Bau ebenso unabkömmlich wie Muskelkraft. „Des Schreinermeisters Frau hat die 3.700 Schrauben noch von Hand eingedreht“, weiß Müller. Sein Vater kaufte zwar in den 70er Jahren einen komfortableren Wohnwagen, trennen konnte er sich von seinem Schindelwagen jedoch nie. „Dreißig Jahre stand er in Bassum in einer Halle, gut geschützt vor der Witterung, bis wir ihn 2014 wieder herrichteten“, so Müller. 2016 standen einige Restaurierungsarbeiten an. Die Schrauben aus Messing wurden samt Unterlegscheiben erneuert, das Holz überarbeitet, bevor er pünktlich zur Eröffnung der Osterwiese im neuen Glanz erstrahlte und ihn eine PS-starke Hanomag feierlich auf den Platz zog.

Laterne am Schindelwagen.
Die Laterne des geschlossenen Traditionsgasthauses „Meyer am Boom“ ziert nun den Eingang des Schindelwagens. Fotos: Kristina Wiede

Wegweiser aus Oberneuland

Stolz sind die Mitglieder auch auf die Laterne der damaligen Gaststätte „Meyer am Boom“ in Oberneuland. Rund 300 Jahre wurde sie als Familienunternehmen geführt und galt als das älteste Gasthaus Bremens. Dort hat der Sackvereins viele Jahre seinen Stammtisch abgehalten. Als das Traditionshaus 2014 die Türen schloss, fand die Lampe ihren neuen Platz am Eingang des Wagens. Hier wird sie noch vielen Schaustellern auf der Osterwiese und dem Freimarkt den Weg weisen – in die Männerrunde und zum verdienten Feierabendbier.