Start Bremen Bremer Köpfe „Hohe Bedeutung für die Lebensqualität und den Einzelhandel“

„Hohe Bedeutung für die Lebensqualität und den Einzelhandel“

Interview: Jens Joost-Krüger von BIKE IT! spricht über die Rolle des Fahrrads in der Bremer Innenstadt

355
Jens-Joost Krüger ist selbst begeisterter Radfahrer. Foto: Jann Raveling

Fahrradstadt, Stadt der kurzen Wege: Es sind Begriffe wie diese, welche die Verankerung des Fahrradfahrens in Bremen unterstreichen. Doch welche Bedeutung hat der Radverkehr konkret für die Innenstadt? Das STADTMAGAZIN Bremen hat dazu Jens Joost-Krüger befragt. Im Interview spricht der Leiter des Radverkehrsprojektes BIKE IT! bei der Wirtschaftsförderung ­Bremen (WFB) über die Vorteile des Radfahrens und erklärt, welche verkehrspolitischen Veränderungen er sich wünscht.

Herr Joost-Krüger, Bremen und Fahrrad – für Sie zwei Dinge, die einfach zusammengehören?
Jens Joost-Krüger: Ja, das würde ich unterstreichen. Bremen ist traditionell eine Stadt, in der die Menschen das Fahrrad gerne für ihre alltäglichen Wege benutzen. Und was für eine Stadt in dieser Größenordnung eher untypisch ist: Es ist eine überaus bunte soziodemografische Mischung von Menschen, die gerne Rad fährt.

Welche Bedeutung hat das Thema Fahrradfahren für die Bremer Innenstadt?
Das Radfahren hat eine hohe Bedeutung für die Lebensqualität in der Stadt. Etwa ein Viertel aller Wege werden in Bremen mit dem Rad bestritten. Das entlastet die Stadt ungemein vom motorisierten Individualverkehr. Die positiven Auswirkungen sind vielfältig: weniger Emissionen, weniger Lärm und weniger Staus. Bremen ist durch den hohen Anteil an Radverkehr also ein lebenswerterer Ort als er es ohne die viele Fahrradfahrer wäre.

Welche Vorteile bietet es mir als Einzelperson, mich mit dem Fahrrad in der City zu bewegen?
Die individuellen Vorteile sind ebenso vielfältig wie die gesellschaftlichen. Radfahren ist gesund, hält fit, ist günstig und das Städteerlebnis ist deutlich intensiver. Außerdem fallen stressige Faktoren wie die lästige Parkplatzsuche weg. Im Grunde genommen bietet es für alle nur Vorteile. Und schneller als mit dem Auto ist man bei Entfernungen unter vier Kilometern sowieso. Vor allem zu Stoßzeiten oder aufgrund von Umleitungen bricht in der Innenstadt regelmäßig der Verkehr zusammen. Da macht es nur Sinn, das Auto stehenzulassen und sich aufs Rad zu setzen. Außerdem zeigt es: Die Stadt ist an der Grenze dessen, was sie an motorisiertem Verkehr ertragen kann.

Klingt so, als gebe es Ihrer Meinung nach Handlungsbedarf …
Ja. Es ist notwendig, dass in der Verkehrspolitik zukünftig Prioritäten anders gesetzt werden. Politik und Stadtentwicklung sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Infrastruktur, die wir für das Fahrrad haben, angepasst wurden muss. Die Anzahl der Menschen, die Fahrrad fahren, hat sich erhöht, die Räder sind schneller geworden, es sind die Pedelecs sowie die Lastenräder dazugekommen. Auf den Radwegen gibt es dadurch unterschiedliche Geschwindigkeiten, zum Teil sind sie auch zu schmal. Will man, dass noch mehr Menschen ihre alltäglichen Wege mit dem Fahrrad zurücklegen, müssen hier Anpassungen vorgenommen werden.

Apropos Lastenräder: Mittlerweile kommen solche Räder auch auf Transportwegen und bei Auslieferungen für Unternehmen zum Einsatz. Wie zukunftsfähig sind sie logistisch?
In fast allen großen Städten laufen aktuell breit angelegte Modellversuche, bei denen die letzte Meile des Transportes auf Cargobikes, also Lastenrädern, bewerkstelligt wird. Ich denke, es wird dazu kommen, dass die umgangssprachlich letzten Meter von Transportwegen in verdichteten Räumen zukünftig von solchen Rädern übernommen werden. Die Bremer Radkurier-Unternehmen nutzen sie zum Beispiel schon seit Jahren.

Immer wieder wird das Modell einer autofreien Innenstadt diskutiert. Würden sie eine Innenstadt ohne motorisierten Verkehr begrüßen?
Ja. Ich bin ehrlich gesagt verwundert, warum das für Einzelhändler und Gewerbetreibende oft noch so ein Reizthema ist. Das Argument ist, dass die Autoerreichbarkeit unerlässlich sei. Alle Beispiele an Städten, die autofrei geworden sind, zeigen, dass der Einzelhandel gewinnt. Innenstädte sind keine Einkaufszentren. Sie haben andere Qualitäten und sind darauf angewiesen, möglichst lebendig und attraktiv zu sein.