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Tanzschule

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Diese Folge hätte auch „Eins, Zwei, Drei, Cha-Cha-Cha, Vier, Fünf, Sechs“ heißen können, aber das wäre zu lang. An diese Zählerei erinnere ich mich nämlich immer als erstes, wenn ich irgendwo das Wort „Tanzschule“ lese. Als zweites denke ich an Andrea. Andrea war meine erste Liebe und die vergisst man bekanntlich nie. Glücklicherweise hat sie „Ja“ gesagt, als ich sie fragte, ob sie mit mir zur Tanzschule gehen wollte. Danach hat sie dann nie wieder „Ja“ gesagt. Es war also eine unglückliche erste Liebe und auch die ist seitdem mit meinen Tanzstunden-Erinnerungen verbunden.

Unser Tanzkurs fand im „Gasthof zur Mühle“ statt – immer dienstags um achtzehn Uhr. Da wurde dann zuerst wiederholt, was wir in der letzten Stunde gelernt hatten und im zweiten Teil gab es neue Schritte zu stolpern. Veranstaltet wurde das Ganze von der Tanzschule Winter. Herr und Frau Winter waren es auch, die uns alle Tänze vormachten. Herr Winter war ein eleganter Herr mit kleinem Schnauzer, der beim Tanzen unentwegt alle Schritte mitzählte. Ich habe mich schon damals gefragt, ob er das wohl auch versehentlich tat, wenn er sich irgendwo privat zur Musik bewegte. Frau Winter war eine kräftige Frau und etwas größer als ihr Gatte, so wie die Tanzpartnerin von meinem Freund Bernd, die ihn noch viele Jahre später als Buchhändlerin mit den Worten. „Na Berni, wie wär’s mit ‘nem Tänzchen?“ begrüßte. Das fanden wir damals schon alle peinlich und Bernd wird immer noch rot, wenn er sie trifft. So lernten wir also Wiener und langsamen Walzer, Cha-Cha-Cha, Rumba, und Discofox, den einzigen Tanz, den man später wirklich brauchen konnte – außer Walzer vielleicht. Schnell trennte sich natürlich die Tanzflächenspreu vom Tanzflächenweizen. Bei einigen konnte man bereits in der ersten Stunde sehen, wohin dieser Kurs führen würde, nämlich entweder zu einer schweren Verletzung der Tanzpartnerin, zu bleibenden Schäden im Bewegungsapparat des Tanzpartners oder ganz einfach zu dem vielleicht meistgesagten Satz meiner Tanzschulzeit: „Ich glaube, ich guck heute mal zu!“ Apropos meistgesagte Sätze … Wissen Sie, was für mich das schlimmste Wort an diesen Abenden war? Es war das Wort „Damenwahl“! Mir trieb das regelmäßig Schweißperlen auf die Stirn, denn mich erwischte jedes Mal die eine, die ich am wenigsten mochte. Und genau die ließ mich dann für die nächsten drei Tänze nicht mehr los. Egal, nach zehn Wochen waren aus Jungs und Mädchen schließlich Herren und Damen geworden, von denen sich Letztere erst auffordern und dann nach jedem Tanz von ihren Herren wieder zum Tisch führen ließen.

Zwischendurch wurde gewalzt, gechachat und gediscofoxt, als gäbe es kein Morgen und dann stand er endlich fest: der Termin für den Abtanzball! Bei der Wahl der Garderobe waren schon damals die Unterschiede deutlich, und ich bin sicher, dass einige Klamotten danach nie wieder angezogen wurden. Ja, so war das damals und viel hat sich seitdem in der Tanzschule nicht geändert, außer vielleicht, dass die Dame heutzutage nicht mehr so viel Haar zeigt, wo man es nicht unbedingt sehen möchte, wenn Sie wissen was ich meine, womit wir wieder bei meiner Erfahrung mit der Damenwahl wären – aber lassen wir das!