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Sonnenuntergang im Saftregal

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …“, so sang ein gewisser Herr Schuricke kurz nach dem Krieg – und das tat er auch noch, als wir Babyboomer bei Oma und Opa den „Blauen Bock“ im Fernsehen schauten. Oma konnte das Lied mitsingen, und so war ich als Enkel dann auch sprichwörtlich mit im (Fischer-)Boot, was den Text dieses Schlagers anging.

Mit den Begriffen Capri und Sonne verbinde ich aber noch etwas mehr. Generationsgenossinnen und -genossen wissen wahrscheinlich, worauf ich hinaus will – klar auf die kleinen wässrigen Fruchtsäfte im sogenannten Standbodenbeutel. In den ersten vier Schuljahren gehörten sie zur Grundausstattung eines jeden Wandertages, und jeder, der sich bei dem Versuch, den kleinen Strohhalm in die dafür vorgesehene Öffnung zu drücken, mindestens einmal komplett bekleckert und nassgemacht oder sich dabei ganz blöd in den Finger gestochen hat, weiß, was gemeint ist. Das war eigentlich ganz einfach zu umgehen, indem man den Beutel umdrehte und dann den angespitzten Trinkhalm in den Unterboden rammte. Aber dafür musste man natürlich schon fortgeschrittener Konsument sein. Diese und die, die es werden sollten, wurden in den 70er-Jahren übrigens von keinem Geringeren als dem Boxer Muhammad Ali mit dem Spruch „Capri-Sonne ist das Größte nach mir!“ auf das Produkt aufmerksam gemacht.

Erfunden wurde der Saft zum Mitnehmen 1969 von dem Unternehmer Rudolf Wind aus Heidelberg – das Produkt ist also ein echter Babyboomer. Das Getränk startete in einem 200-Milliliter-Beutel in den Geschmacksrichtungen Orange und Zitrone. Schon damals vermutete nicht nur meine Mutter, dass der Fruchtanteil wohl eher überschaubar war. Das interessierte uns Kinder aber ebenso wenig wie der kleine Müllberg, den man pro Beutel mit Trinkhalm in Plastikverpackung produzierte. Doch auch dieses Kapitel unserer Kindheit ist mittlerweile Geschichte. Nicht nur, dass der Halm heute glücklicherweise nicht mehr aus Plastik ist, auch der Name unseres einstigen Klassenfahrtenproviants ist verschwunden. Ebenso wie Raider, die Hamburg-Mannheimer oder der Grand Prix d’Eurovision jetzt anders heißen, sucht man auch die gute alte Capri-Sonne vergeblich im Regal. Die heißt jetzt „Capri-Sun“, ist vegan, laktose- und glutenfrei und zudem nicht mehr im Standbodenbeutel, sondern im Trinkpack erhältlich! Die Umbenennung war nötig, um zu sparen – schließlich wird das Getränk überall auf der Welt verkauft und da sollte es auch überall gleich heißen. Das ist nachvollziehbar, ich finde es trotzdem doof.

Ich habe den Sonnenuntergang im Saftregal jedenfalls nicht mitbekommen. Das liegt unter anderem daran, dass die Zahl meiner Schulausflüge drastisch zurückgegangen ist. Und als ich dann einmal wieder vor den kleinen Beutelchen stand, habe ich den neuen Namen schlichtweg überlesen. Für mich stand dort ganz klar der Name, der dort immer stand.

Es gibt eben Dinge, die ändern sich nicht, da kann man so viel umbenennen wie man will!

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