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Mal wieder richtig Sommer

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Also in diesem Jahr hätte unser aller Rudi wettertechnisch nun wirklich nichts zu meckern gehabt. Die Nachfrage aus seinem Sommerhit von 1975 war ­allerdings schon ein Jahr später beantwortet worden. „Hitze, Honka, HSV“ titelte damals eine große Tageszeitung! Die Hamburger hatten den DFB-Pokal gewonnen (das Nord­derby aber nicht!), der Prozess gegen den Frauenmörder Fritz Honka war das Sommerloch-Thema und eine Hitzewelle mit enormen Ernteausfällen hatte weite Teile Europas im Griff. Wenige Sommer haben sich so sehr in meinem Baby-Boomer-Gedächtnis eingenistet wie der des Jahres 1976!

Vieles war natürlich anders als heute. Es begann schon damit, dass nicht nur in jeder TV-Serie, in Zügen, Flugzeugen und Restaurants, sondern auch in den Autos geraucht wurde. Das muss man sich so vorstellen, dass wir Kinder – natürlich ohne Anschnallgurt – hinten im Auto saßen, während unsere Eltern vorne qualmten und netterweise das Fenster einen kleinen Spalt heruntergekurbelt hatten, damit der Rauch abziehen konnte … Heute unvorstellbar. Ich wünsche mir übrigens sehr, dass jemand in zwanzig Jahren genauso ungläubig darüber schreibt, wie unvorstellbar viel Plastik in den 2010er Jahren ohne Nachzudenken an jeder Straßenecke verwendet wurde …

Aber zurück zum Sommer ’76. Muhammad Ali boxte sich durch, Eddie Merckx radelte allen davon, Björn Borg wurde zum Frauenschwarm und Niki Lauda hatte seinen schweren Unfall auf dem Nürburgring. Im Fernsehen lernten wir Detektiv Rockford, Anwalt Petrocelli sowie die Biene Maja kennen und im Radio wurden die Dancing Queen, Lady Bump, Daddy Cool und das Bett im Kornfeld besungen. Mittendrin wir und die Sommerferien. Und weil es in meiner Kindheit durchaus nicht üblich war, spanische Touristeninseln zu erforschen, fuhren wir eben jeden Tag an die Ostsee. Da saßen wir also vollgequalmt und mit Sonnenbrand in unserem alten Opel Rekord und genossen den Sommer. Und, wie fast immer im Leben, schlich sich auch bei diesen Ausflügen schnell eine gewisse Routine mit wiederkehrenden Ritualen ein. Am selben Ort wurde auf dem immer selben Parkplatz geparkt. Beim immer selben Kiosk bekamen mein Bruder und ich ein Dolomiti-Eis und die Erwachsenen ein Nogger zur Strandbegrüßung, und zur Mittagszeit standen natürlich auch die immer selben Köstlichkeiten auf dem Speiseplan. In der Familie Böhling waren das Würstchen mit – natürlich selbstgemachtem – Kartoffelsalat und zum Nachtisch Wassermelonen.

Diese lieb gewonnenen Strandmahlzeiten trieben allerdings mitunter auch seltsame Blüten. Zum Beispiel an dem Tag, als ich zum ersten Mal Kartoffelsalat bei meiner Tante Hanna aß und ich sie mit großer Verwunderung fragte: „Ach, ihr macht den ohne Sand?“