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Klassentreffen

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen. Ausgewählte Kolumnen sind unter dem Titel „Alle hießen Michael, außer Stefan, der hieß Thomas“ als Buch erschienen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

„Birgit, bist Du das?“, „Wie hieß noch dieser dicke Englischlehrer?“ oder „Dich hätte ich nicht wiedererkannt!“ – typische Sätze, die immer dann fallen, wenn sich schulische Zwangsgemeinschaften nach vielen Jahren möglichst in ihrer alten Wirkungsstätte wiedertreffen, um sich gemeinsam an das zu erinnern, woran sich viele gar nicht erinnern wollen.

Man nennt es „Klassentreffen“ oder auch „Jahrgangstreffen“, und je mehr Zeit vergeht, umso netter werden diese Treffen. Erstens, weil im Laufe der Jahre der große Vergleichsdruck „Mein Haus – mein Auto – meine Yacht!“ nachlässt und zweitens, weil nach und nach nur noch diejenigen kommen, die auch wirklich Lust dazu haben.
Das erste Klassentreffen findet in der Regel zwanzig Jahre nach dem Schulabschluss statt – da sind die meisten dann doch neugierig zu sehen, was aus der Mitschülerschaft so geworden ist. Schließlich ist ja eine gewisse Zeit ins Land gegangen, die bei der Einen oder dem Anderen Spuren hinterlassen hat. Da erkennt man den einstigen Schwarm aller Jungs nicht auf den ersten Blick, obwohl man ganz schwer an ihr vorbeischauen kann! Der Klassenrebell von damals ist Sparkassen-Inspektor geworden und sieht auch genauso aus. Und wo früher das wilde Haupthaar des coolsten Jungen aus der Klasse wucherte, ist heute eine überschaubare Fläche entstanden. Was hab’ ich den Typen damals neidisch bewundert …

Den eigentlichen Sinn und den großen Charme dieser Treffen erkennt man aber meist erst später, wenn vielleicht 35 oder 40 Jahre ins Land gezogen sind und man vielleicht auch schon mal die Frage stellt: „Leben eigentlich noch alle?“ Es gibt Erlebnisse und Eindrücke, die kann man nämlich nur mit einer bestimmten Gruppe von Menschen tatsächlich teilen: mit ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern. Versuchen Sie einmal, Leuten Anekdoten aus Ihrer Schulzeit zu erzählen, die nicht dabei waren – das ist ungefähr so unterhaltsam wie damals eine Mathearbeit! Dafür gibt es Klassentreffen mit schönen Erinnerungen an ausgehängte Türen zum Physiksaal, schlaflose Klassenfahrten oder durch Wasserpistolen und andere schöne Hilfsmittel zur Weißglut gebrachte Mitglieder des Lehrerkollegiums … die „Feuerzangenbowle“ lässt grüßen.

Und die Schülerschaft von damals? Klar, die meisten haben sich in den Jahren nicht so sehr verändert. Mit denen man damals etwas anfangen konnte, kann man es heute noch und wen man in jenen Tagen blöd fand, wird man heute in den seltensten Fällen mit Sympathie überschütten, obwohl: Beim letzten Wiedersehen hörte ich von einer früheren Mitschülerin tatsächlich den schönen Satz: „Ich hätte es früher nie für möglich gehalten, dass ich dich einmal richtig nett finde!“ Also ich liebe Klassentreffen.