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Geschmäcker und Gerüche

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Kennen Sie das auch? Gewisse Geschmacksreize oder Gerüche sind für mich untrennbar mit Erlebnissen, Ritualen oder Bildern aus meiner Kindheit verbunden. Bei dem Geschmack von Teewurst habe ich zum Beispiel sofort Popeye, den Seemann vor Augen, weil ich diese Zeichentrickserie eine Zeit lang zum Abendbrot geguckt habe und da gab es bei uns immer  Teewurst.

Oder die innige Verbindung zwischen rotem Früchtetee und großen Metallkannen. Das Eine geht für mich nicht ohne das Andere – und beides ist für mich auf ewig in Jugendherbergen oder Schullandheimen verortet. Jetzt im Herbst, meiner Lieblingsjahreszeit, habe ich die meisten Geruchserinnerungen: Bei kühler abendlicher Herbstluft kommen mir Laternenumzüge in den Sinn, denen ich zunächst als kleiner Pöks mit einer großen gelben Sonne, die natürlich ein Mond sein sollte, hinterherlief und die ich später als Trompeter mit dem örtlichen Fanfarenzug anführte.

Besonders ausgeprägt sind solche sinnlichen Erinnerungen bei mir in Verbindung mit dem herbstlichen Geruch von nassem Holz und Laub. Sofort sehe ich meinen Freund Holger oder meinen Schulkameraden Winfried zusammen mit mir im Wald Höhlen bauen. Stundenlang haben wir gefällte oder heruntergefallene Äste zu kleinen Tipis aufgestellt oder über größere Erdvertiefungen gestapelt und dann mit Laub bedeckt, um dann stolz in unserem unterirdischen Versteck zu sitzen. Klar sahen wir danach nicht nur entsprechend aus, wir rochen auch nach Holz und Laub – bis heute mein Lieblingsgeruch neben frisch gemähtem Gras. Bei dem denke ich wiederum an Gras-Schlachten im Sommer. Der Zeitpunkt für diese musste genau abgepasst werden – nämlich kurz nachdem der Hausmeister unserer Wohnsiedlung mit einem kleinen Aufsitzrasenmäher frisch gemäht hatte und bevor er zum Zusammenhaken wiederkam! Nach diesen „Bewürfnissen“ musste man entweder direkt in den See springen oder unter den Gartenschlauch hüpfen, um dem gnadenlosen Jucken der kleinen Grashalme zu entgehen!

Wenn man das so liest, könnte man meinen, ich sei in Bullerbü aufgewachsen. Aber ich glaube, dass es nicht wenige Babyboomer gibt, die ähnliche Kindheitserinnerungen haben – nur die Geruchs- und Geschmackserinnerungen sind im Detail eben verschieden. Ein frisch bezogenes Bett erinnert mich immer ein bisschen an die Übernachtungen bei meinen Großeltern in für mich damals riesengroßen Federbetten. Bei Ledergeruch denke ich an meinen ersten mit Stolz getragenen Schulranzen, der Gedanke an Rudi Carrells „Laufendes Band“ taucht meine Sinne augenblicklich in frisch geduschtes Nivea-Creme-Aroma. Und steigen mir Abgase eines Zweitaktmotors in die Nase, sehe ich wieder meine wunderschöne blaue Zündapp ZR 20 vor mir … was hab ich mein Mofa geliebt! Ich erinnere mich übrigens auch noch ganz genau daran, wie meine erste große Liebe in der Grundschule roch – deshalb hege ich bis heute liebevolle Gefühle zu Apfelshampoo!