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Geburtstage – gestern und heute

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Der November ist mein Geburtstagmonat. Anlass genug, sich einmal an die Kindergeburtstage meiner Kindheit zu erinnern, die sich höchstwahrscheinlich nicht sonderlich von denen vieler anderer Babyboomer unterscheiden. Ganz im Gegenteil übrigens zu den heutigen Geburtstagsevents, zu denen Hannah, Mia, Ella, Leon, Noah und Paul (aktuell ganz weit oben im Ranking der beliebtesten Vornamen) nicht etwa einfach so eingeladen werden. Weit gefehlt, liebe Leserschaft.

In 99,9 Prozent der Fälle geht es schließlich nicht um Kakao und Kuchen mit Blinde Kuh und Schokoladenwettessen. Wir sprechen hier von Mottopartys. Da ist es doch wohl klar, dass bei einem Piratengeburtstag angekokelte Schatzkarten, bei einem Dino-Event prähistorische Knochen und bei einer Star-Wars-Party von Mutti gebastelte kleine Raumschiffe als Einladung verschickt werden! Nix mehr mit Postkarten und kleinen Ja- oder Nein-Ankreuzquadraten für die Frage „Lieber Bernd, sag bitte Bescheid, ob Du kommst!“

Das einzige, was heute noch auf eigens dafür gestalteten Beipackzetteln zur Geburtstagseinladung angekreuzt werden muss, sind Informationen darüber, was denn der kleinen Gesellschaft gereicht werden darf und was auf gar keinen Fall. Worte wie „zuckerfrei“, „fettarm“ oder „ausgewogen“ kann man dort ankreuzen – meine Mutter wäre hoffnungslos überfordert gewesen. Auch die nostalgisch verklärte Frage nach einem Mitbringsel für die kleinen Jubilare hat sich im modernen Miteinander längst erledigt! Geschmackvoll aufgebaute Geschenktische oder liebevoll gepackte Geschenkkörbe in Spielzeuggeschäften lassen im wahrsten Sinne des Wortes keine Wünsche mehr offen und arbeiten den zuvor elektronisch zusammengestellten Wunschzettel lückenlos ab.

Das letzte große Thema beim Wiegenfest des Nachwuchses ist die Programmgestaltung. Solch revolutionäre Ideen aus meinen Baby-Boomer-Kindertagen wie die kleinen Geburtstagsgäste nach Kakao und Kuchen in die Schwimmhalle, ins Museum oder gar auf die Kegelbahn einzuladen, bevor das Fest mit Würstchen und Kartoffelsalat endet, werden von der aktuellen Kita- und Grundschulgemeinde nur müde belächelt. Nach dem mottobezogenen Kuchenbüffet mit und ohne Laktose werden die geladenen Gäste heutzutage zum Besuch des „Indoor-Fun- Parks“, zur Eroberung der „Kinder-Erlebniswelt“ oder zum Bezwingen des „Seilgarten-Kletter-Zentrums“ geshuttelt. Dass die Gäste nach geschafftem Parcours einen Pokal nebst Teilnahmeurkunde und Leistungszertifizierung erhalten, versteht sich von selbst. Nach individueller Rückreisemöglichkeit zur Gastgeberwohnung werden vor der Abholung durch die Eltern dann noch vegane Burger, Gemüsestangen mit Dip und Rhabarbersaftschorle gereicht. Manchmal kommen Gastgeber aber auch auf ganz verrückte Ideen. So belauschte ich unlängst ein Gespräch zwischen Mutter und Nachwuchs in der Straßenbahn und das Kind berichtete total begeistert von einem ganz neuen Spiel auf dem Kindergeburtstag. „Wie hieß das denn?“, fragte die Mama nach. Die Antwort lautete: „Topfschlagen!“