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Fußball ist unser Leben

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Die verschwommenen Bilder meiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft bestehen aus flachen quadratischen Plastiktischen, tiefen Kunstledersessel-Elementen und einem schweren Farbfernseher ohne Fernbedienung. Die Spieler trugen lange Haare, kurze schwarze Hosen und enge weiße Trikots (bis heute die schönsten!). Ihre Namen sind die von Sportlerlegenden: Beckenbauer, Netzer, Vogts, Overath, Bohnhof, Hoeneß, Breitner und natürlich Müller. „Fußball ist unser Leben“ sangen sie bei Wim Thoelke und sie wurden im eigenen Land Weltmeister. Etwas konkreter erinnere ich das Turnier vier Jahre später in Argentinien. Um in der musikalischen Ecke zu bleiben: Udo Jürgens brachte mit der Nationalmannschaft seinen und auch den – von singenden Fußballern – kommerziell größten Hit „Buenos dias, Argentina“ auf den Markt. Die neuen (Gesangs-)Helden hießen Manni Kaltz, Hansi Müller, Klaus Fischer und Kalle Rummenigge. Dass diese nicht so weit kamen, wie ihre Vorgänger ist – zumindest für mich – dabei nicht die prägende Erinnerung an die WM 1978. Viel deutlicher dagegen sehe ich die Teppichstangen zwischen den Wohnblöcken, von denen wir einen bewohnten. Jene Metallstangen, die in diesem WM-Jahr für uns Knirpse zu Fußballtoren wurden. Während unsere Altvorderen sich in den Halbzeitpausen mit neuen Kaltgetränken und frischem Knabberzeug eindeckten, betätigten wir uns sportlich.

„Drei Ecken – ein Elfer“, „Zwei gegen Zwei auf ein Tor“ oder „Bananenflanken verwandeln“ – das waren unsere Disziplinen. Nicht selten verpassten wir die neuen Anstöße – ja sogar komplette zweite Halbzeiten. Niemand rief uns zum Abendbrot oder weil es ja schon spät war. Damals erlebte ich den gesellschaftlichen Wert des Fußballspiels ganz anders, ganz kindlich und ganz schön. Eines aber ist in unserer Familie bis heute überliefert. Ich gebe zu, dass mir das „Draufschießen“ immer mehr Freude bereitet hat, als das „im Tor zu stehen“. Die logische Folge daraus war natürlich, dass ich meinen Bruder dazu überreden musste, zweitere Aufgabe zu übernehmen – und zwar gerne. Wie das gelang? Ganz einfach durch ein Zauberwort. Pünktlich zum Halbzeitpfiff rief ich meinem Bruder das bis heute motivierende Wort „Torwarttraining“ zu, nicht ohne zu verschweigen, dass auch Dieter Burdenski und Rudi Kargus nie so weit gekommen wären, wenn sie nicht jemand umfassend und hart trainiert hätte. Also stellte sich mein kleiner Bruder artig zwischen die Teppichstangen und ließ sich „trainieren“. Meistens hielt er übrigens und er wurde ein wirklich guter Torwart in der Jugendmannschaft – was mir als Spieler nie gelang. Wenn ich ihm aber sage, dass er seine Jugendkarriere schon auch ein bisschen mir zu verdanken hat, dann grinst er nur und sagt „Schon klar, du Teppichstangen-Trainer!“