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Folter mit drei Buchstaben

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wir, die Anfang der 70er Jahre eingeschulten Kinder aus der Generation der Baby Boomer, haben ihn mit voller Wucht abbekommen – den Beschluss der Kultusminister-Konferenz vom 26. Oktober 1979. Darin wurde die jährliche Durchführung eines Wettbewerbs für die Schülerinnen und Schüler bis zur Jahrgangsstufe zehn verbindlich festgelegt. Wovon ich hier schreibe? Nun, um es mit diesem einem Wort zu sagen, das bei mir bis heute Bauchschmerzen und schlechte Laune hervorruft: Bundesjugendspiele! Oder wie es in meiner Schule mit den drei Buchstaben der Folter abgekürzt wurde: BJS!

Im Sommer musste gesprungen, gelaufen oder geworfen werden und das Ganze möglichst hoch, weit, schnell und ausdauernd. Da stand man dann in seinen kurzen blauen Hosen und seinem weißen Unterhemd und konnte sich nicht wehren. Jedenfalls nicht ohne Attest. Und da man bis Jahrgangsstufe zehn in der Regel noch nicht volljährig war (auch wenn Stefan schon fast so aussah), musste der Wisch von den Eltern unterschrieben werden … Versuchen Sie mal, Papa oder Mama zu erklären, dass Sie an diesem Turnier aus ethischen Gründen nicht teilnehmen können – vergessen Sie es. Schließlich waren die Bundesjugendspiele ja „durch ihren pädagogischen Ansatz breitensportlich orientiert und sollten die Schülerschaft entsprechend ihren individuellen Leistungen ansprechen“. Ich habe in meiner gesamten schulischen Laufbahn tatsächlich keine einzige Urkunde bekommen. Für den alljährlichen Waldlauf galt übrigens dasselbe. Irgendwann ist der Sport-Lehrkörper auf die gemeine Idee gekommen, Streckenposten aufzustellen, die kontrollieren sollten, ob man denn auch die gesamte Strecke zurücklegte. Vorbei die schönen Oberstufen-Tage, an denen man gemütlich auf dem Hochsitz eine Selbstgedrehte genoss, während unten die selbstgebatikten Turnhemden durch die Walachei hechelten.

Mit Abstand am schlimmsten war die dunkle Jahreszeit, denn auch in dieser ließ man uns nicht in Ruhe. Nein, auch im Winterhalbjahr sollten die Kinder ja „systematisch an eine der drei Grundsportarten herangeführt werden“ – und das konnte in diesem Fall nur eines bedeuten: Geräteturnen! Reck, Barren, Matte oder Bock – versuchen Sie bitte einmal, diese Worte mit einem Lächeln auszusprechen. Es wird sofort diabolisch …
Bis heute bin ich kein einziges von der Decke hängendes Seil hinaufgeklettert, und seit meine Mitschülerin Petra einmal die Funktion eines dieser flachen Absprungbretter, die vor einem quer gestellten Holzkasten liegen, nicht nutzte und mit vollem Körpereinsatz das große Sportgerät zerlegte, habe ich nie wieder ein solches besprungen oder auch nur darüber nachgedacht. Am tiefsten aber sitzt bei mir bis heute jener Satz, den mir mein Sportlehrer Herr Kaatz immer gerne sagte, wenn ich die leichteste aller Bodenmatten-Übungen „Rolle vorwärts, Rolle rückwärts – Strecksprung – halbe Drehung!“ ausgewählt hatte. Bis heute klingt es in mir nach, dieses irgendwo zwischen schmunzelnd und leicht empört klingende: „Dirk, die Rolle rückwärts machen wir aber nochmal!“