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… die goldene Herbsteszeit

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Lernen die Kinder in der Schule eigentlich heute noch Gedichte? Also die alten Klassiker von Schiller, Fontane oder Wilhelm Busch? In meinem Bücherregal stehen tatsächlich noch fünf alte blaue Klett-Lesebücher aus meiner Schulzeit. Die habe ich ordnungsgemäß erworben, als die Schulbücherei dicht machte, weil Schulbücher nicht mehr weitergegeben wurden … Schade eigentlich. In diesen Deutsch- oder Mathebüchern konnte man immer genau erkennen, wo es bei den vorangegangenen Generationen gehakt hatte. Eselsohren, wütende Bleistiftunterstreichungen oder Spuren von ausgelaufenen Füllerpatronen legten ein Zeugnis davon ab, was der Schülerschaft in den vorherigen Klassen besonders zugesetzt hatte. Interessanterweise halfen aber genau diese kleinen Hinterlassenschaften besonders gut beim Auswendiglernen von Gedichten, weil man sich eben diese Stellen besonders gut merken konnte.

Ich konnte mit dem Gedichtaufsagen jedenfalls so manche mittelmäßige Zensur noch etwas nach oben korrigieren. Dabei war es natürlich eine besondere Freude, dass die eher verschlossenen, harten Jungs, die scheinbar ein kleines Geheimnis hatten – also genau die, für die sich die Mädchen natürlich ganz wahnsinnig interessierten, als Rezitatoren von „Bürgschaft“ oder „Glocke“ so gar nicht taugten. Da standen sie dann vor der Klasse, nuschelten sich stotternd durch die deutsche Lyrik – und ich erwischte mich bei einem innerlich breiten Grinsen von der Sorte: „Siehste, sich mit dem Zirkel die Initialen von einem Mädchen in den Arm ritzen, das kann er – aber drei gerade Reime rausbringen …“
Das waren Momente meiner Schulzeit, in denen ich tatsächlich auch mal brillieren konnte. Inbrünstig beschrieb ich die „…goldene Herbsteszeit, und die Birnen leuchteten weit und breit“ aus Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Da kann man mich bis heute noch nachts wecken und ich kriege den Text einigermaßen zusammen. Oder ich hatte die Frage: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ zu beantworten. Die Leute von der Shiloh Ranch mögen darauf geantwortet haben: „es ist der Cowboy, er sucht das Rind“, aber in der Schule lautete die Antwort natürlich: „Der Erlkönig“.

Ich habe im Laufe meiner Schulkarriere so manches berühmte Gedicht auswendig lernen müssen und so manche Zeile kommt mir bis heute ganz unvermittelt in den Sinn. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“ zum Beispiel oder: „… die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!“ – beides Goethe, wer sonst?

Aber auch meinen Lieblingsdichter, den ich nur vom „Fliegenden Klassenzimmer“ und „Emil und die Detektive“ kannte, lernte ich durch den Deutschunterricht noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen und lieben. Bis heute gehört die „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner zu meinen Lieblingsgedichten.

Manchmal ist es doch ganz gut, Dinge aufzubewahren, so wie die alten Deutschbücher aus meiner Schulzeit! Die Mathebücher hab’ ich übrigens weggeworfen – man kann nicht alles behalten!