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Der Tuschkasten

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, kommt mir als erstes jenes Gefühl in den Sinn, das sich immer dann einstellte, wenn ein neues Schuljahr begann. Der nächste Schritt auf der schulischen Karriereleiter, ein Neuanfang, eine neue Chance. Vielleicht endlich mal ‘ne vier in Mathe oder keine Einträge ins Klassenbuch. Vielleicht eine neue Biolehrerin, umfängliche Sanierungsarbeiten im Chemieraum oder wenigstens die Absage des Sportfestes …

Ein neues Schuljahr war mit Hoffnungen und neuem Elan verbunden. Ich befand mich in einer hoch motivierten Gemütslage, die in den meisten Fällen immerhin eine Woche anhielt. Mit dem Beginn des Schuljahres war für mich übrigens auch jedes Mal neues Arbeitsgerät verbunden – schließlich wollte man ja den Anforderungen im neuen Klassenverband gerecht werden und nicht gleich zu Beginn der nächsten Jahrgangsstufe denselben Eindruck machen wie vorher.

In meinem Fall bedeutete das alle Jahre wieder ein neues Geodreieck, neue Blei- und Buntstifte, Hefte, Ordner und was der frisch versetzte, ordentliche und fleißige Schüler sonst noch so braucht, wenn ein neues Kapitel des Schulbesuchs aufgeschlagen wird. Da wurden dann Linien fein säuberlich mit dem Lineal gezogen, die Füllerpatronen ausgetauscht, damit die Schönschrift auch gut zur Geltung kam. Und was sich an Apfelresten, Brotkanten und vollgemalten Löschblättern noch aus dem letzten Jahr in der Schultasche befand, wurde entsorgt.

Zu den alljährlichen Anschaffungen zum Klassenwechsel gehörte für mich auch stets ein ganz besonderes Requisit: der Tuschkasten. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, aber nach jeder Klassenstufe sahen in meinem Tuschkasten alle kleinen Farbtöpfchen gleich aus. Mir hatte eben niemand gesagt, dass man die Farben in den kleinen quadratischen Flächen mischt und nicht direkt in den Töpfchen. Die fielen übrigens auch gerne mal aus dem Kasten und verzierten dann den Rest des Schultascheninhalts mit bunten Streifen. Weiße Flecken gab es übrigens auch. Erinnern Sie sich? Richtig … Deckweiß! Das waren diese kleinen Tuben, aus denen das weiße Zeug eigentlich immer an den Seiten rausquoll, bevor dann alles komplett eingetrocknet war. Sie merken schon, das Tuschen gehörte ebenso wie Basteln, Werken oder Schraffieren nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, und das lag nicht nur an einer gewissen Talentfreiheit in diesen Bereichen. Die Tatsache, dass ich beim Tuschen regelmäßig Essecken, Arbeitsflächen und Schreibtische flutete, war nämlich einzig und allein der damals gängigen Unart zuzuschreiben, leere Joghurtbecher als Wasserquelle für die bunte Malerei zu verwenden. Diese kleinen Plastikbecher hielten der Schwerkraft von einem bis drei langen Pinseln, die man nur mal kurz im Wasser abstellen wollte, einfach nicht stand …

Nein, ich habe keine guten Erinnerungen an das Getusche und alles, was damit zusammenhing, auch wenn meine Mutter sich nach Kräften bemühte, mich in meiner Laufbahn als bildender Künstler zu unterstützen. Da half kein noch so gut geheucheltes „Das ist doch toll geworden“. Das hab’ ich sowieso nie geglaubt!