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Der Opa im Wandel der Zeiten

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Großväter und andere ältere Herren waren eigentlich schon immer uniformiert – nur die Uniform hat sich geändert. In meinen Baby-Boomer-Kindertagen trugen Opa und seine Freunde graue Anzüge mit schwarzen Halbschuhen, dazu ein weißes Hemd, gerne mit Weste und immer mit Krawatte! Im Sommer wurde das Sakko auch schon mal gegen einen ärmelfreien Pullunder getauscht. Der war dann auch grau oder – wenn Opa mal ganz verrückt war – sogar gelb oder rot!

Die Opas in meiner Erinnerung saßen gern in Lehnstühlen, tranken Cognac, rauchten Zigarren und freuten sich über ihre Enkel. Dazu sprachen sie gute Ratschläge bedächtig aus und hatten es irgendwie nie eilig. Als ich dann der Pubertät entwachsen war, hatte sich das Opa-Bild irgendwie still und heimlich verändert. Die nächste Opa-Generation hatte plötzlich den Farbton Khaki für sich entdeckt, der zu achtzig Prozent aus Gelb und zu zwanzig Prozent aus schwarz besteht. Khaki war einst die Farbe von Arbeitsanzügen oder von Uniformen der britischen Armee in Indien. Hierzulande trugen diesen Farbton eigentlich nur Pfadfinder und nun eben auch die Opas. Da konnte man ihnen so gut zureden, wie man wollte – von wegen, es sei doch eine Erdfarbe und dazu käme man schließlich noch früh genug … Nein, der gesammelte Rentnerapparat hatte sich auf diese unförmigen Jacken oder noch schlimmer auf Westen in derselben Farbe eingeschossen, die übrigens mehr Taschen besaßen als jeder Bundeswehr-Parka der 70er Jahre.
Da saßen sie nun beim Seniorencafé und mussten für den Nachhauseweg locker mal zwei Stunden länger einplanen, weil sie ihre Garderobe nur anhand des Tascheninhalts auseinanderhalten konnten. Diese Opa-Generation hatte im Gegensatz zu der meines Großvaters übrigens höchste Ansprüche an das Leben nach der Verrentung. Kreuzfahrten durch das Mittelmeer, Städtereisen zu den europäischen Metropolen oder auch gern mal ein Tagestrip im Inland – Khaki-Westen-Invasion allerorten.

Mit all diesen mehr oder weniger liebenswerten Eigenschaften unserer Altvorderen ließ sich umgehen. Sie waren berechenbar und manchmal irgendwie putzig – aber jetzt? Ich sehe rüstige Sportrentner auf E-Bikes mit ihren Rucksäcken zum Power-Yoga radeln, braungebrannte Ü-70-Athleten joggen in Pink und Orange zum Bioladen und elegante Designer-Opas paarshippen mit ihrem Laptop im Straßencafé! Wo bitte schön sind denn die Opas von früher geblieben, die so aussahen wie Herr Huber aus der Sesamstraße, die so gütig waren wie der „liebe Onkel Bill“ und so behäbig wie der Großvater bei den Waltons? Stattdessen gehen die heutigen Altherren der Schöpfung ohne Oma shoppen und kaufen den Kindern die Hoodies weg. Apropos: Ich habe mir schon mal einen grauen Anzug und eine Khaki-Weste bestellt. Schließlich sind wir Baby Boomer die nächste Opa-Generation. Und wenn es stimmt, dass alles wieder kommt …