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Apropos Friseure…

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wir Babyboomer haben sie noch erlebt: Herren in blauen oder weißen Kitteln und grauen Stoffhosen, die uns kopfschüttelnd mit den Worten „Das wird aber auch mal wieder Zeit!“ in ihren Salons begrüßten, in die Mutti uns geschickt hatte. Meiner hieß „Herr Mittag“, und nachdem er mich in dem mit grünem Plastik gepolsterten Stuhl hochgepumpt hatte, zückte er seine Arbeitsinstrumente wie Professor Brinkmann kurz vor der Gallenblasen-OP in der „Schwarzwaldklinik“.

Metallkämme aus der Bronzezeit kamen da zum Vorschein, nachdem die so mühsam gezüchtete Haarpracht mittels einer Sprühflasche ordentlich durchnässt und somit geglättet worden war. Da gab es kein Durchwaschen oder gar eine duftige Kopfmassage vorweg – bei Herrn Mittag ging es gleich zur Sache, also unmittelbar nach der obligatorischen Frage: „Ohren frei?“ Das war allerdings eher eine rhetorische Frage, denn natürlich wusste ich, dass ich – auch wenn ich dies ebenso obligatorisch verneinte – hinterher sowieso wieder aussehen würde wie ein A mit O … So war es immer.

Dabei war ich doch gerade auf dem Weg, in Sachen Haupthaar so richtig cool zu sein – auch wenn das Wort noch nicht üblich war. Meine blonde Mähne passte ebenso gut in die Zeit, wie Schlaghosen und Clogs. Aber nein – da konnte ich soviel ich wollte auf Chris Roberts und Jürgen Marcus aus der Hitparade, auf Bands wie Smokie und Sweet oder wenigstens auf Harry vom Kommissar verweisen, die meine Mutter doch allesamt mochte – keine Chance. Einmal brachte ich sogar Winnetou ins Spiel, aber das ging völlig daneben – schließlich waren wir hier ja nicht im Wilden Westen. Es half also alles nichts, ich musste zu Herrn Mittag und hatte damit eigentlich noch Glück. Mein Freund Winfried wurde alle sechs Monate zu einem früheren Wehrmachts-Friseur geschickt – und genauso sah er hinterher auch aus. Noch schlimmer hatte es Thilo getroffen, dem seine Mutter immer mit einem glückstrahlenden „Toll geworden!“ die Harre schnitt … Das war die Zeit, als Thilo lernte, seine Pudelmütze zu lieben. Dann doch lieber Herr Mittag, der seinen kleinen Finger beim Schneiden immer abspreizte. Hatte ich schon erwähnt, dass ich als Kind äußerst ungern zum Friseur ging? Vielleicht habe ich es deshalb auch während meiner gesamten Teenagerzeit gelassen.

Wie unterschiedlich sind sie doch, die Figaros von gestern und heute. Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass ich einmal so gerne zum Haareschneiden gehen würde, wie heute.
Einmal hat mir ein Vertreter dieser Berufsgattung in meiner Kindheit aber auch etwas Gutes getan. In der Zeit, als wir in der Schule gerade begonnen hatten, Englisch zu lernen, fragte mein Lieblingslehrer Herr Kowallik, was denn wohl das Wort „Friseur“ auf Englisch heißen könnte. Mit meiner Antwort „Headmaster“ schaffte ich es dann immerhin in die Schülerzeitung und zu kurzer Berühmtheit. In diesem Sinne ein herzliches: „Ohren frei“!