Start Bremen Jonny blickt auf Werder Alles auf den Prüfstand

Alles auf den Prüfstand

Jonny blickt auf Werder

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Jonny Otten.

Ganz ehrlich, ich kann das Wort Standardgegentor nicht mehr hören. Und ich weiß nicht, was sich Werders Spieler bei der Niederlage gegen Mainz gedacht haben. Eigentlich mache ich das in dieser Kolumne nicht, dass ich auf die Mannschaft eindresche. Was aber in Mainz passierte, darf nicht unerwähnt bleiben. Warum setzen die Spieler einfach nicht um, was ihnen der Trainer mit auf den Weg gibt? Sie zeigen keinerlei Gegenwehr, keine Aggressivität und stehen meist nur rum und gucken dem Gegner beim Fußballspielen zu. Es fehlt nur noch, dass sie ihm nach einer gelungenen Aktion Beifall klatschen. So geht Bundesliga nicht! Da musst du auf dem Platz mit aller Macht zeigen, dass du nicht absteigen willst und darfst nicht einfach alles über dich ergehen lassen.

Ich weiß kaum, wen ich aus der Mannschaft in dieser Saison positiv herausheben sollte. Lediglich Theodor Gebre Selassie, der sich Spiel für Spiel zerreißt, und Kevin Vogt – der, obwohl er erst seit Januar in Bremen ist, zum Leader der Mannschaft wurde – kann ich hervorheben. Der Abstieg rückt für das Team, das sich zu Saisonbeginn noch für die Europa-League qualifizieren wollte immer näher. Und wenn Werder so auftritt wie in Mainz, hat es die Mannschaft auch nicht anders verdient.

Natürlich hatte man über die gesamte Saison hinweg mit den teilweise riesigen Verletzungsproblemen zu kämpfen. Oftmals fehlte auch das Spielglück. Oder es gab wie zuletzt die eine oder andere Fehlentscheidung zu unseren Ungunsten. Das ist alles richtig und trägt zu einem großen Teil zu der Situation bei, in der sich Werder befindet. Aber: Ich muss trotzdem gerade dann alles für den Erfolg tun, mich gegen Niederlagen wehren. Das war in großen Teilen der Saison nicht zu erkennen. Trainer Florian Kohfeldt hat sich dabei immer schützend vor seine Spieler gestellt. In Mainz tat er das erstmals nicht mehr – vielleicht zu spät. Vielleicht hätte dem einen oder anderen es ganz gut getan, schon früher einmal öffentlich angezählt zu werden. Egal wie es jetzt ausgeht, selbst wenn der liebe Fußballgott ganz doll mitspielt und Werder sich in die Relegation rettet und darüber hinaus in der Liga bleiben sollte: Nach der Saison muss alles auf den Prüfstand gestellt werden.

Angefangen beim Management, über den Trainer bis hin zur Mannschaft. So kann es nicht weitergehen. Das ist nicht Werder Bremen. Aber selbst wenn Werder absteigen sollte, heißt es nicht, dass gleich alles vorbei sein muss. Uns ist das 1980 auch passiert. Aber wir haben die Scharte ausgewetzt, sind wieder aufgestiegen und haben anschließend die erfolgreichste Ära des Vereins geprägt. Es muss also nicht gleich das Ende aller Tage sein. Aber es sieht derzeit schon sehr finster aus.

Jonny Otten, Jahrgang 1961, machte von 1979 bis 1992 insgesamt 349 Spiele für seinen Verein, in denen er drei Tore erzielte. Zudem brachte er es auf sechs Einsätze in der Nationalmannschaft. Im STADTMAGAZIN wirft der ehemalige Linksverteidiger einen monatlichen Blick auf Werder.