Start Bremen Baby-Boomer Böhling 2020 – Eine Bilanz

2020 – Eine Bilanz

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

307
Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wenn ich in der Januar-Ausgabe dieser Kolumne gemutmaßt hätte, dass wir uns nur elf Monate später nicht mehr per Handschlag oder gar per Umarmung begrüßen dürfen, dass wir aussehen wie Bankräuber im „Western von Gestern“, weil wir Mund-Nasen-Masken tragen, dass Restaurants, Kneipen und Bars dicht sind, dass wir uns nicht für Theater, Kino oder Konzerte verabreden können und dass es keinesfalls klar ist, ob wir Weihnachten 2020 mit der ganzen Familie feiern können… Mal ehrlich, Sie hätten doch völlig zurecht über eine Zwangseinweisung für mich nachgedacht.

Alles, was uns so vertraut, selbstverständlich, ja scheinbar unumstößlich war, ist zu einem zerbrechlichen Gut geworden, das Wort „negativ“ zu einer positiven Nachricht mutiert und wo noch gestern unbeschwertes Nebeneinander stattfand, ist heute Misstrauen, Wut und Angst. Das Wort Virus kannten viele von uns zuletzt nur noch aus den Computern großer Firmen. Die erste Begegnung mit diesem Wort fand für die meisten Babyboomer wahrscheinlich bei einem Landgang der Enterprise-Crew statt, als Pille mit besorgter Miene feststellte: „Der Planet ist von einem Virus befallen, den wir noch nicht kennen, Jim!“ Nun ist also unser Planet von einem befallen, der mittlerweile
unseren Alltag bestimmt. Und die selbsternannte „Krone der Schöpfung“ zeigt in Zeiten ihrer spanischen Übersetzung, wie angreifbar und verletzlich sie ist. Doch damit nicht genug. Als ob das nicht reichen würde, habe ich das Gefühl, das in allen Ecken der Erde plötzlich verhaltensauffällige Jungs aus ihren Kinderzimmern kriechen, zu Staatsoberhäuptern werden und anfangen, den Planeten zu zerstören. Warum? Weil sie es können!

Die wohlige Sicherheit, in der wir Babyboomer uns seit unserer Kindheit wähnten, ist verloren. Damals, als ich mit dem viel zu großen Cowboyhut mein Leberwurstbrot aß, konnte ich mich noch darauf verlassen, dass im Notfall Ben Cartwright um die Ecke geritten kam, um Weisheit und Gerechtigkeit walten zu lassen. Wenn ich über den Zustand der heutigen Welt nachdenke und eine Bilanz des Jahres 2020 ziehen soll, könnte man diesen Gedanken mit nur einem Wort beenden – aber will man das? Ich habe mich stattdessen an ein Foto erinnert, dem ich viel zu verdanken habe. Es ist ein Autogrammfoto von Carl-Heinz Schroth, den viele wohl noch aus „Jacob und Adele“ kennen. Dieses Foto hatte er mir geschickt, nachdem ich seine Biografie „Keine Angst vor schlechten Zeiten, das Pendel schlägt zu beiden Seiten“ gelesen hatte. Das Buch hatte mir damals Mut gemacht, wie er ein Schauspieler zu werden, dafür hatte ich ihm gedankt und als Antwort das Foto erhalten. Nun habe ich es wieder aus dem Karton mit alten Lurchi-
Büchern herausgekramt, weil die Widmung so gut in unsere Zeit passt! Sie endet nämlich mit den Worten. „… hoffen wir gemeinsam auf das Pendel!“

In diesem Sinne wünsche ich uns ein besseres, gemeinsames, friedliches, maskenfreies und vor allem gesundes 2021 voller Theater, Kino, Musik und Partys! So einen langen Neujahrswunsch hab‘ ich auch noch nie formuliert…