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Digitales Zuprosten

Ausprobiert: Die „Kellerstunde“ des Bremer Ratskellers

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Foto: JF

Gläser polieren, Flaschen kühlen und den Laptop ans Stromnetzwerk anschließen: In Corona-Zeiten laufen viele Dinge anders, so auch die Weinprobe des Bremer Ratskellers. Statt auf analoges Anstoßen setzen die Veranstalter derzeit auf digitales Zuprosten. Redakteurin Jennifer Fahrenholz hat an der „Kellerstunde“ teilgenommen – und dafür sogar ihre verstaubten Rotweingläser herausgekramt.

Foto: JF

Schmunzelnd blicke ich auf meinen Esstisch, auf dem sich drei Weinflaschen und eine kleine Auswahl an Pralinen wiederfinden. Man kann einen Freitagabend definitiv schlechter verbringen, denke ich. Die Uhr meines Laptops zeigt 18:58 Uhr, in zwei Minuten beginnt die „Kellerstunde“ des Bremer Ratskellers – ein Format, das Corona geschuldet ist, wie Projektleiter Jan Kampe berichtet. „Wir wollten auch in Zeiten der Pandemie weiterhin gemeinsamen Weingenuss ermöglichen“, sagt er in Hinblick auf die derzeit nicht durchführbaren Weinproben vor Ort, aber auch auf das Ratskellerfest und den Weihnachtsmarkt, die in diesem Jahr ausfallen. Nachdem die erste „Kellerstunde“ im Mai auf positives Feedback gestoßen sei, habe man die Reihe fortgesetzt. So ist es bereits das fünfte Mal, dass sich die Verantwortlichen via Instagram-Live-Story mit Interessierten austauschen. Das Motto des Abends könnte für mich nicht passender sein, schließlich gehören „Schokolade und Wein“ zu meinen liebsten Sünden.

Bevor ich über Kalorienbilanzen und potenzielle Kopfschmerzen nachdenken kann, ist es auch schon 19 Uhr und Jan Kampe begrüßt die Zuschauer am Bildschirm. Er stellt die flüssigen Ehrengäste des Abends vor: einen Savignon Blanc, einen Riesling Feinherb sowie einen Rotwein Cuvée. Dann folgt auch schon der erste digitale räumliche Wechsel, von denen es mehrere in dieser Stunde geben wird. Kampes Kollegin Julia Burmeister begrüßt die Instagram-Zuschauer acht Meter unter dem Domshof aus dem Fasslager des Ratskeller und eröffnet die erste Kostprobe. Der Savignon Blanc soll zuerst ins Glas. Ich halte ein halb volles Glas für eine angemessene Menge und probiere – lecker. Während ich beginne, die Stachelbeere herauszuschmecken, die sich auch in der dazugehörigen Stachelbeerpraline der Konditorei van Heyningen befindet, liefert Burmeister Hintergrundinfos zum Exemplar. Es ist ein Konzept, das sich den Abend über durchzieht: Wissensvermittlung gepaart mit Genuss. Das scheint bei den etwa 100 Zuschauern anzukommen. Im Kommentarfeld tauschen sie sich eifrig über Aromen, Säure und andere geschmackliche Nuancen aus.

Foto: JF

Dann ist es auch schon wieder Zeit nachzuschenken. Ein Vertreter von der Mosel, ein sogenannter Riesling Kabinett, findet seinen Weg in mein Glas, präsentiert und erläutert von Marcus Wehen, der sich aus dem Flaschenlager dazuschaltet. Für ihn ist es „die Königsrebsorte unter den Weißen“, erzählt er. Es folgt ein kurzer Exkurs zur Weingeschichte während ich bereits den ersten Schluck nehme. Obwohl nicht mit seinem Vorgänger vergleichbar, schmeckt er mir nicht weniger gut. Spritzig und Säureintensiv erinnert er mich an Prosecco. Die dazu vorgesehene Kokos-Chilli-Trüffelpraline lässt es auf meiner Zunge Sommer werden. Als könnte Wehen meinen Vergleich hören, sagt er: „Kabinett Weine zeichnen sich durch ihren geringen Alkoholgehalt aus. Sie sind leicht und spritzig.“ Die finalen 15 Minuten der „Kellerstunde“ widmen die Experten dem letzten Wein des Abends und damit meinem persönlichen Sorgenkind: einem Rotwein Cuvée. Obwohl ich Rotwein immer als wahnsinnig stilvolles und erwachsenes Getränk empfand, konnte ich mich damit nie anfreunden. Entsprechend skeptisch bin ich, als die blutrote Flüssigkeit mein Glas füllt – jedoch auch stolz, meine Rotweingläser vier Jahre nach meinem Umzug endlich einmal herausgekramt zu haben.

Meine Geschmacksnerven sind überrascht. Auch wenn Rotwein nicht mein neues Lieblingsgetränk wird, kann ich mir einen Gesichtskasper verkneifen. Kombiniert mit deftigem Essen macht er sich mit Sicherheit gut, genauso wie mit der Praline aus Kirschgelee und Cassis-Ganache, die dazu vorgesehen ist. Als sich die „Kellerstunde“ dem Ende zuneigt, bitten viele Teilnehmer um eine erneute Ausgabe vor Jahreswechsel – und das mit Erfolg. Mitte Dezember wird es die letzte Kellerstunde 2020 geben: ein interessanter Termin für alle Weinliebhaber und jene, die mal wieder einen Grund haben wollen, verstaubte Gläser zu polieren.

Die „Kellerstunde“ ist ein Online-Format des Bremer Ratskellers, bei dem man die Weine zu Hause verkoste kann und dabei von Experten aus dem Haus mit Informationen „gefüttert“ wird. In regelmäßigen Abständen können hierzu Weinpakete bestellt werden, die immer unter anderen Gesichtspunkten zusammen gestellt sind. Nähere Infos: www.ratskeller.de